in Gesellschaft

Ein schöner Abend diese Woche … ein köstliches Abendessen, ein gutes Glas Wein und die richtige Stimmung in einem Kiez von Berlin. Ich bin sehr entspannt; ein angenehmer Arbeitstag neigt sich
dem Ende entgegen, der Flug nach Hause erst am nächsten Tag, also Zeit, Zeit, Zeit… herrlich!
Und dann… plötzlich diese Worte vom Nebentisch, die zu mir herüberschwappen.
„ Das geht ja mal gar nicht!“

Mein Blick schweift zum Tisch neben mir und da sitzen zwei Menschen um die 40. Ich weiß nicht,
warum mir an diesem Abend diese so oft ausgesprochenen Worte so extrem auffallen. Wie oft habe
ich diese schon vernommen und mich geärgert, aber mich nicht näher damit beschäftigt? Heute
Abend ist alles anders, irgendwie.

Ich schaue mir die beiden näher an und komisch, die beiden haben gar keine 5 Arme und 7 Beine! Es
sind zwei ganz „normale“ Menschen, die einfach ein Gespräch führen und eben einer der beiden
spricht diese Worte aus. Meine Gedanken schweifen ab und ich denke über ähnliche im
gesellschaftlichen Umgang häufig verwendete Äußerungen dieser Art nach.

„Das kann man doch so nicht sagen!“ oder „ Das tut man nicht!“, auch schön ist “Das gehört sich
nicht!“ oder der Klassiker „ Das war schon immer so!“ sind Sprachgebräuche, die mich durch mein
bisheriges Leben begleitet haben. Als Teenager habe ich mir geschworen, nie, nimmer und niemals
so zu werden wie „die Erwachsenen“! Diese Spießigkeit, diese Einfältigkeit, grauenerregend! Und nun
bin ich erwachsen und ich frage mich: Bin ich wirklich weltoffener, toleranter und so anders als die
Generation vor mir?

Ich bezweifele dies! Wie oft habe ich im Inneren selbst gedacht:“ Das geht ja mal gar nicht!“ oder
eben, dass sich „etwas nicht gehört“.

Und nun frage ich mich: Wer legt diese Regeln eigentlich fest, wer bestimmt, was sich gehört und
was nicht? Warum ärgern mich diese Floskeln, die auf den ersten Blick doch so gar nicht in eine freie
Gesellschaft passen, wie ich sie mir wünsche? Liegt es daran, dass diese Worte begrenzen, bewerten
und isolieren? Oder liegt es daran, dass wir gar nicht so frei und unabhängig sind, wie uns dies
oftmals suggeriert wird? Es ist diese Mahnung mit dem Zeigefinger, die belehrend wirkt und „von
oben herab!“ und vielleicht deshalb so unsympathisch ist… und die, obwohl ich dies so empfinde,
trotzdem in meinem Leben Platz findet.

Die Tochter meiner besten Freundin sagte kürzlich: „ Wieso darf man das nicht sagen? Wir haben
doch das Recht auf eine freie Meinungsäußerung!“ Wie wunderbar, diese Aussage, aber stimmt sie
auch? Oder ist es nicht viel eher so, dass wir darauf achten, „politisch korrekt“ zu sein und möglichst
wenig anecken wollen? Weil „Anecken“ einsam machen kann? Oder weil wir es uns einfach nicht
trauen? Habe ich wirklich die freie Meinungsäußerung oder trifft mich, insbesondere bei heiklen
Themen, sofort die moralische Keule?

Diese Floskeln sind oberflächlich und zielen nur auf unser Bauchgefühl ab; selten folgen logische
Argumente für das „Dafür“ oder „Dagegen“. Warum sprechen wir sie dann trotzdem aus? Diese
Satzhülsen, die wir oft einfach „raushauen“ ohne darüber nachzudenken.
Sicher gibt es Themen, die „gar nicht gehen“! Das sind aber meist die Themen an sich und nicht die
Tatsache, dass man darüber spricht. Sprechen sollten wir über alles, wir sollten auch alles zum
Gespräch zulassen, wenn es uns fremd erscheint und dass etwas „schon immer so war“, spricht nicht
unbedingt dafür, dass wir es auch weiterhin tun sollten.

Ich wünsche mir ganz viel Toleranz, Offenheit und Mut zu Worten für die Zukunft; nur so erfahren
wir, welche Dinge, Wünsche und Hoffnungen unsere Mitmenschen haben. Und nur so können wir
uns weiterentwickeln und lernen. Auch dann, wenn wir meinen, dass „das gar nicht geht“!

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Es ist schon sehr auffällig, dass zu deinem wirklich guten Kommentar nach zwei Jahren null Kommentare erschienen sind. – Daraus kann man entweder entnehmen, dass die Mehrzahl der Leser die Problematik, die du ansprichst, überhaupt nicht verstehen, sich nicht dafür interessieren oder aber die Floskel »das geht gar nicht so« täglich so beherzt anwenden, dass sie den Beitrag als Affront (miss-)verstehen. – Diese Redewendung »das geht gaaar nicht nicht« tauchte massiv etwa um das Jahr 2008 erstmals auf. Mich nervt sie auch, weil sie meistens von sehr oberflächlichen, an modischen Trends orientierten jungen Leuten aufgegriffen und unreflektiert weitergetragen wurde, vornehmlich von jungen Frauen, die das irgendwie chic und trendy finden.