in Finanzsystem

Ein Kommentar von Roberto Savio

In diesem Kommentar geht der Gründer und emeritierte Präsident der Nachrichtenagentur ‚Inter Press Service‘ (IPS) auf die rücksichtslose Selbstbedienungsmentalität von Bankern, das „obszöne“ Profitstreben von Unternehmern und die damit verbundenen Folgen wie wachsende Ungleichheit und Armut ein. Laut Savio, der den Blog ‚Other News‘ betreibt und das Nachrichtenportal ‚InDepthNews‘ (IDN) redaktionell berät, sind die Menschen nicht länger gewillt, die Raffgier einer winzigen Minderheit auf Kosten der überwiegenden Mehrheit zu tolerieren. Es folgt der Kommentar in Auszügen.

Rom, 11. Januar (IPS) – All jene, die die ‚Occupy Wall Street‘-Bewegung, die ‚Indignados‘ in Spanien und das Weltsozialforum als Ausdrucksformen des Protests betrachten, der zu nichts führen wird, hat der Ausgang des Schweizer Volksentscheids am 3. März zugunsten der Regulierung von Managergehältern und Boni eines Besseren belehrt.

Zwei Drittel der Schweizer, die nicht gerade im Ruf stehen, auf Revolutionen aus zu sein, haben den Aktionären von Finanzinstitutionen das Recht zugesprochen, über die Gehälter und Boni ihrer Führungskräfte zu entscheiden. Damit dürfte es für die Vorstandsmitglieder nicht mehr so einfach sein, sich gegenseitig die Reichtümer zuzuschanzen. Ein weiteres Referendum steht kurz bevor und wird die Obergrenze der Gehälter und Boni von Mitgliedern der Geschäftsführung aller Sektoren auf den 15-fachen Wert eines Mitarbeiterdurchschnittseinkommens festlegen.

Ende Februar sind die Europäische Kommission und das Europäische Parlament übereingekommen, die Boni für Banker auf einen Betrag zusammenzustutzen, der ihr Jahresgehalt nicht sprengen darf. Eingeführt wird die Regelung im nächsten Jahr. Ausnahmen sind nur mit Zustimmung der Aktionäre möglich. In einem solchen Fall wäre eine Obergrenze von zwei Jahresgehältern einzuhalten.

Drastisches Verdienstgefälle

Das sind interessante Entwicklungen. Der US-Finanzmanager Bernard Baruch hatte 1950 über die Möglichkeiten von Geschäftsführern sinniert, Gehälter einzustreichen, die 50 Mal höher als die ihrer Angestellten sind. Seine Überlegungen lösten damals einen Skandal aus. Heute hingegen, das lässt sich aus der Liste des Businessmagazins ‚Fortune‘ der 500 größten Konzerne entnehmen, hat sich die Differenz um das 545-Fache vergrößert.

Wie zu erwarten haben die jüngsten Entwicklungen die Banker aufschreien lassen. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Argumentationsweisen der Gegner von Obergrenzen. So argumentiert Großbritannien, dass diese die Kluft zwischen London und Europa vergrößern würden. Der Finanzsektor hat einen Anteil am britischen Bruttonationalprodukt von zehn Prozent. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der Anstieg der Boni und Gehälter der Banker so groß wie im angelsächsischen Raum. In einem guten Jahr können die Boni die Jahresgehälter um das Zehnfache übersteigen.

Die letzten Wahlen in Großbritannien haben gezeigt, dass in dem Land zunehmend anti-europäische Töne angeschlagen werden. Europas Integrationsprozess dürfte kaum vorankommen, solange London auf die Bremse tritt.

Das zweite Argument ist noch interessanter. Demnach würden die Festgehälter künftig höher ausfallen als bisher und die Aktionäre größere Einbußen verschmerzen müssen, während die hohen Boni flexibler gehandhabt würden. Am Ende würden gute Banker zur Wall Street, nach Hongkong oder Tokio ziehen, und für Europa bleiben nur noch zweitklassige Finanzmanager übrig.

Es ist hinlänglich bekannt, dass hohe Boni vor allem die Risikofreudigkeit von Bankern belohnen.
Es herrscht die einhellige Meinung vor, dass man zur Prä-Clinton-Ära zurückkehren müsse. Damals arbeiteten die kommerziellen und Investmentbanken in den USA noch voneinander getrennt. Erklärtes Ziel war es, die Hochrisikokultur zu unterbinden, die zu Arbeitslosigkeit und Armut weltweit geführt hat.

Das dritte Argument zeigt das ganze Ausmaß der Selbsttäuschung der Bankenwelt. Boni werden meist in Form von Rückbuchungsboni gewährt, d. h. die Auszahlung erfolgt oftmals zeitversetzt und in Form von Aktien und kann gegebenenfalls auch zurückgezogen werden. Die großen Finanzinstitute wie die ‚Bank of Scotland‘ und ‚Barclays‘ vergeben solche Rückbuchungsboni. Banker bewerben sie als mächtige Abwehrmechanismen gegen riskante oder unethische Geschäfte.

Es gibt keine Angaben, wie oft solche Rückbuchungsboni ausgezahlt wurden. Sehr wohl bekannt ist die Höhe der Bußgelder, die gegen große Banken im Zusammenhang mit faulen Krediten verhängt wurden. Selbst die äußerst nachsichtigen US-Regulatoren haben die Finanzorganisationen mit Strafgeldern in Höhe von mehr als drei Milliarden Dollar belegt.

Weiche Landung für die Banken

Die Banken, die faule Kredite vergeben hatten, sind in der Regel mit kleinen Blessuren davongekommen. Zehn Banken (einschließlich die ‚Bank of America‘, ‚Citigroup‘ and ‚JP Morgan Chase‘) haben mit faulen Krediten 8,5 Milliarden Dollar in den Sand gesetzt. Es folgten ‚Goldman Sachs‘ und ‚Morgan Stanley‘ mit 557 Millionen Dollar.

Bisher haben die Manipulationen bei der Festsetzung der Libor-Zinssätze (der durchschnittlichen Interbankenzinssätze) allein die Schweizer Großbank UBS 1,5 Milliarden Dollar gekostet. Der Chefmanager von Barclays sah sich zum Rücktritt gezwungen. Wo wirkten hier die Rückbuchungsboni als Firewall gegen riskante und unethische Verhaltensweisen?

Britische Behörden haben nun die regelmäßige Kontrolle der Libor-Zinssätze empfohlen und mit Gerichtsverfahren gegen Einzelpersonen gedroht, die die Zinssätze aus egoistischen Gründen manipulieren. Die weltgrößte Bank HSBC hat inzwischen eingeräumt, Gelder der mexikanischen Drogenmafia und saudischer Banken mit Verbindungen zu Terrorgruppen gewaschen zu haben.

Dennoch hat der HSBC-Vorstand am 5. März – nur zwei Tage nach dem Schweizer Referendum, den vielen Skandalen, in die die Finanzorganisation verwickelt war und den Strafgeldern und Vergleichszahlungen von mehr als vier Milliarden Dollar – ihren 200 Supermanagern Boni in Höhe von einer Million englischer Pfund gewährt. Natürlich hat das in London heftige Kritik ausgelöst. Obwohl die HSBC im letzten Jahr 5,6 Prozent Verluste machte, wurde Vorstandschef Stuart Gulliver mit einem Bonus in Höhe von elf Millionen Dollar belohnt.

Eine Erklärung, wie Banker möglicherweise ticken, hat der CEO von JP Morgan, Jamie Dimon, gegeben. So schloss der vehemente Verteidiger des bestehenden Finanzsystems, der auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar jede Kritik an den Banken im Keim zu ersticken suchte, eine Debatte mit dem bekannten Analysten Mike Mayo auf dem jährlichen Treffen mit den Investoren von JP Morgan in New York:

„Das ist der Grund, warum ich reicher bin als Sie.“

Angesichts derartiger Denkmuster überrascht es wenig, dass Maurice Greenberg, der ehemalige CEO des Versicherungsriesen AIG, die US-Regierung auf Schadensersatz in Höhe von 25 Milliarden Dollar verklagte. Er warf Washington Wucherzinsen auf einen Kredit vor, mit dem die AIG vor dem Bankrott gerettet worden war. Die US-Regierung musste nach dem Platzen der US-Immobilienblase 2008 182 Milliarden Dollar aufbringen.

Das war der Anfang des Wall-Street-Börsen-Crashs, der Zünder der derzeitigen Weltfinanzkrise, die das Heer der weltweiten Armen um 100 Millionen Menschen vergrößert hat. Zu dieser Krise, die vollständig in den USA geschaffen wurde, kam zwei Jahre später die Eurokrise hinzu, eine durch und durch europäische Angelegenheit, die eine beispiellose Erpressung von Regierungen durch den Markt nach sich zog. Verabreicht wurde die Einheitsmedizin Austerität. Am Beispiel Griechenland lassen sich die verheerenden Auswirkungen des Sparzwangs auf die Menschen bestens erkennen.

Außer Kontrolle

Greenberg trat zurück, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. Und nun verlangt er 25 Milliarden Dollar für die harten Konditionen, die ihm von der Regierung zur Rettung der AIG auferlegt wurden! Ein solches Verhalten gibt Auskunft über die Beziehungen zwischen den Behörden und dem Finanzsystem.

Wir hatten die Zertifizierungsagenturen, die AIG und Goldman Sachs als gesunde Unternehmen eingestuften: dieselben Agenturen, die nun die Regierungen mit einem Triple A oder auch nicht bewerten, obwohl sie damals weggeschaut hatten.

Obszön ist zudem, dass 2012 die 100 wohlhabendsten Menschen weltweit ihrem Reichtum weitere 240 Milliarden Dollar zufügen konnten. Somit besitzt das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung (60 Millionen) so viel Geld wie zweieinhalb Milliarden Menschen zusammengenommen. Und in den letzten zehn Jahren ist diese Konzentration noch extremer geworden. Die reichsten 0,01 Prozent (600.000 Menschen) verfügen über den Wohlstand von zwei Milliarden Menschen. Inzwischen gibt es 1.200 Milliardäre auf der Welt.

Gleichzeitig stehen wir vor einem ernsten Nahrungsproblem. Jeden Tag gilt es 219.000 neue hungrige Mäuler zu stopfen, insgesamt 70 Millionen pro Jahr. Nach Angaben der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO sind die globalen Nahrungsreserven um 2,6 Prozent gesunken, während die Nahrungsmittelpreise weiter steigen (je nach Getreideart um zwischen zehn Prozent und 35 Prozent). Dennoch werden in den reichen Ländern 40 Prozent der Nahrungsmittel weggeworfen. Mit den 240 Milliarden Dollar, die die 100 reichsten Menschen jährlich anhäufen, könnten wir viele der bestehenden Weltprobleme lösen.

Wie dem auch sei – bis 2050 werden zwei Milliarden mehr Menschen die Erde bevölkern. Das System ist noch nicht einmal in der Lage, die derzeit sieben Milliarden Menschen zu ernähren. Wie sollen die zusätzlichen zwei Milliarden Menschen satt werden, die in den ärmsten Teilen der Welt geboren werden? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir verfügen über die Mittel, doch sind sie ungerecht verteilt.

Nase voll

Um zum Anfang dieses Beitrags zurückzukommen – die Menschen verlieren, wie das Schweizer Referendum gezeigt hat, zunehmend die Geduld. Eine solche Unzufriedenheit ist inzwischen überall auf der Welt zu erkennen. Sie zeigt sich bei Wahlen. Protestbewegungen boomen. Beppe Grillo in Italien (der mit seiner Fünf-Sterne-Bewegung bei den letzten Wahlen ein Viertel der Stimmen gewann), ist nur ein Beispiel.

Wir befinden uns im Übergang zu einem neuen System. Es kann Frieden und Zusammenarbeit oder eine Zunahme der sozialen Ungerechtigkeit bedeuten. Die Geschichte hält viele Lektionen bereit. Wir haben sie – ebenso wie die 100 Milliardäre – bereits in der Schule gelernt. Was das Schweizer Referendum gezeigt hat, ist nicht, dass es an einem entsprechenden Bewusstsein fehlt, sondern an dem politischen Willen.

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