in Finanzsystem

China hat sich Lateinamerika als Experimentierfeld ausgesucht, um seine Währung am US-Dollar vorbei als regionales Zahlungsmittel zu etablieren. Da der Handel mit Yuan oder Renminbi noch sehr begrenzt ist, lassen sich die Folgen auf die lateinamerikanischen Volkswirtschaften noch nicht genau abschätzen.

„Der Ausbruch der Finanzkrise in den USA 2008 hatte das Reich der Mitte veranlasst, bei Transaktionen mit seinen wichtigsten lateinamerikanischen Partnern auf die eigene Währung zurückzugreifen“, berichtet der brasilianische Wirtschaftsexperte Rodrigo Branco.

„Dieser Meinungswechsel erklärt sich vor allem aus der Notwendigkeit, den steten Nachschub an Rohstoffen und Agrarerzeugnissen zu gewährleisten, sowie aus der Instabilität der industrialisierten Wirtschaften“, meint Branco von der brasilianischen Stiftung für Außenhandel (FUNCEX).

Rasant anwachsender Handel

China, das der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IaDB) 2008 beigetreten ist, konnte seinen Handel mit den südamerikanischen Ländern und der Karibik im letzten Jahrzehnt um das 16-Fache auf 188 Milliarden Dollar 2011 steigern. Allein der Handel mit Brasilien schnellte von 37,5 Milliarden 2010 auf 77 Milliarden Dollar 2011 in die Höhe. Die Volksrepublik ist somit größter Investitions- und Handelspartner des südamerikanischen Schwellenlands.

„Der asiatische Gigant finanziert in die Infrastruktur der Region, um seine Produktion auszuweiten, sich mit Rohstoffen zu versorgen und zugleich seine Importkosten zu verringern“, sagt José Augusto de Castro von der brasilianischen Außenhandelsvereinigung (AEB). Dieser Trend lasse sich nicht zuletzt an den Darlehen erkennen, wie sie China an Venezuela im Rahmen ihrer „strategischen Beziehung“ vergibt. Der Begriff stammt von Venezuelas Staatschef Hugo Chávez.

Wie aus einem Bericht im ‚Wall Street Journal‘ hervorgeht, sind die chinesischen Staatsbanken bestrebt, ihre Kredite an lateinamerikanische Länder als Teil einer Strategie zur Förderung des Yuan als internationales Zahlungsmittel auszuweiten. Lateinamerika ist für China ein wichtiger Lieferant von Nahrungsmitteln und Rohstoffen.

Chinas Export-Import-Bank ‚China Exim‘ verhandelt derzeit mit der IaDB über einen Fonds, der mit Yuan im Wert von einer Milliarde Dollar zur Finanzierung regionaler Infrastrukturprojekte bestückt sein soll. Beide Institutionen hatten im September ein Abkommen unterzeichnet, in dem sich China Exim verpflichtete, bis zu 200 Millionen Dollar zur Finanzierung des chinesisch-lateinamerikanischen Handels bereitzustellen – davon ein Teil in Yuan.

Chinas Entscheidung, die IaDB zu stärken, zeigt nach Ansicht von de Castro auch das übergeordnete Interesse, die Infrastruktur Lateinamerikas zu verbessern.

Branco zufolge hat die chinesische Regierung mit der Internationalisierung des Yuan eine 360-Grad-Wendung vollzogen. Zuvor hatte sich das Land gesträubt, seine Währung den Marktkräften zu überlassen und sich dadurch von der externen Wirtschaftslage abhängig zu machen.

„Die Auswirkungen eines internationalisierten Yuan auf die lateinamerikanischen Volkswirtschaften sind nicht bekannt. Sie lassen sich nicht ermessen, solange es keinen Devisenmarkt für die chinesische Währung gibt“, so der Ökonom.

Branco zufolge zeigt sich das chinesische Interesse an der Region Lateinamerika im direkten Kauf von Mineralien und Agrargütern aus Ländern wie Brasilien, Argentinien und Chile, in Fusionen oder der Gründung binationaler Unternehmen und in Darlehen und Kapital in Yuan zur Finanzierung von Importen und Infrastrukturprojekten.

„Der Anstieg des Handels in chinesischer Währung zielt darauf ab, die Risiken durch die Volatilität von Dollar und Euro zu verringern“, sagte Branco. Darüber hinaus soll die zunehmende Verwendung von Yuan oder Renminbi der Einführung einer neuen Währung Vorschub leisten, mit der bereits auf wichtigen Devisenmärkten wie Hongkong gehandelt wird.“

Chinesische Politik als Bremse

Castro geht nicht davon aus, dass sich die neuen Kredite in Yuan auf den Handel oder die Geldpolitik der südamerikanischen Länder auswirken werden. In China müssten sich erst die politischen Bedingungen verändern, ehe sich die chinesische Währung als internationales Zahlungsmittel behaupten könne. „China ist ein geschlossenes System“, sagt er. „Wir wissen alle, dass die Regierung den Wechselkurs ihren politischen Interessen anpasst. Erst müsste Peking für internationales Vertrauen in seine Währung sorgen, bevor diese als internationales Zahlungsmittel anerkannt wird.“

Um die möglichen Auswirkungen analysieren zu können, die mit der Einführung des Yuan als regionales Zahlungsmittel verbunden sind, empfiehlt es sich nach Ansicht von Mauricio Claverí von der argentinischen Beratungsfirma ‚Abeceb‘, sich den Handel der südamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft MERCOSUR aus Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay näher anzusehen.

„Im argentinisch-brasilianischen Handel wird nur ein kleiner Teil– zwischen zwei und 2,5 Prozent – in lokalen Währungen abgewickelt“, gibt er zu bedenken. „Große Firmen halten weiterhin am US-Dollar fest.“ Argentinien und Brasilien hätten sogar erwogen, Uruguay und das assoziierte MERCOSUR-Mitglied Chile in die Initiative einzubeziehen, seien dann aber wieder davon abgekommen. „Das System kam nicht in Gang, weil sich die Unternehmen dem Dollar verbunden fühlen.“

Eine Ausweitung des Yuan in Lateinamerika wirft weitere Fragen auf, etwa wofür die chinesische Währung gebraucht werden könnte. „Sie könnte als Zahlungsmittel zur Absicherung von Verträgen verwendet werden, wenn sich Euro oder Dollar wie in letzter Zeit als allzu unbeständig erweisen.“ Eine Akkumulation von Yuan-Reserven werde aber erst möglich sein, wenn sich der Yuan als globales Zahlungsmittel etabliert habe.

De Castro zufolge erschwert der Umstand, dass der Yuan nicht frei konvertierbar ist, den Handel in chinesischer Währung. Im Fall von Brasilien müsste die Zentralbank chinesische Devisen absorbieren und diese dann auf dem internationalen Markt absetzen, was jedoch mit einem finanziellen Risiko verbunden sei.

Gigantischer Geber

Eine in diesem Monat vom Forschungsinstitut ‚Inter-American Dialogue‘ in Washington herausgegebene Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass China Lateinamerika 2010 Kredite im Wert von 37 Milliarden Dollar bereitgestellt hat – mehr als das, was Weltbank, IadB und die US-Export-Import-Bank zusammengenommen der Region zu bieten hatten.

Über 90 Prozent der Kredite gingen an Venezuela, Brasilien, Argentinien und Ecuador und dienten vor allem der Finanzierung der Rohstoffeinkäufe und chinesischer Unternehmen mit Investitionen in diesen Ländern. Profitiert haben besonders Staaten wie Venezuela und Ecuador, die größere Schwierigkeiten haben, an multilaterale Kredite zu kommen.

Im Zusammenhang mit Chinas 20-jährigem Strategieplan hat das Reich der Mitte Venezuela seit Einrichtung des Fonds 2007 mehr als 40 Milliarden Dollar bereitgestellt. Der bereits mehrmals wiederaufgefüllte Fonds finanziert Investitionen in die Infrastruktur und in Sozialprogramme.

2010 wurde eine Kreditlinie über 20 Milliarden Dollar ausgehandelt – die Hälfte in Dollar und die andere Hälfte in Yuan zum Kauf von chinesischen Gütern und Dienstleistungen. Chinesische Ölfirmen wie CNPC und CNOOC stellten Venezuelas Staatsunternehmen PDVSA mehrere Milliarden Dollar für Ölindustrieprojekte zur Verfügung.

China investierte in Venezuela in Wirtschaftsbereiche wie die Ölförderung, Infrastrukturprojekte, Eisenbahn, Wohnungsbau und Fertigungsbetriebe für Autos und Mobiltelefone. (IPS/kb/2012)

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