IWF: Gemeinnützige Organisation oder neoliberale Exekutive?

Ernst Wolff, 1950 geboren, wuchs in Südostasien auf, ging in Deutschland zur Schule und studierte in den USA. Er arbeitete in diversen Berufen, u.a. als Journalist, Dolmetscher und Drehbuchautor. Er ist Autor des lesenswerten Buches “Weltmacht IWF”, Tectum Verlag.

Geopolitika: Sehr geehrter Herr Wolff, nach Angaben des IWF wurde diese Organisation zur Errichtung und Stärkung eines gesunden globalen Währungssystems gegründet, zur Stabilisierung von Wechselkursen, zur Kreditvergabe, zur Überwachung der Geldpolitik sowie zur technischen Hilfe. Hat der IWF überhaupt eine Aufgabe erfüllt oder war das vorgegebene Ziel im Voraus im Dienste der „grossen Interessen“?

„Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die USA die wirtschaftlich und militärisch stärkste Macht der Erde. Allerdings produzierten sie mehr Waren, als sie verbrauchen konnten. Deshalb mussten sie sich neue Märkte schaffen.

Aus diesem Grund beriefen sie 1944 die Konferenz von Bretton Woods ein. Dort legten sie ein globales Währungssystem fest, das ausschließlich auf ihre eigenen Interessen zugeschnitten war. Es band alle Währungen der Welt zu festen Wechselkursen an den US-Dollar und ermöglichte den USA, den Weltmarkt mit amerikanischen Waren und amerikanischem Kapital zu überschwemmen.

Die Aufgabe des IWF war es, dieses System weltweit einzuführen und zu stabilisieren. Der IWF hatte also von Anfang an das Ziel, neben der wirtschaftlichen und militärischen auch die finanzielle Weltherrschaft der USA zu sichern.“

Geopolitika: Der IWF hat zurzeit 188 Mitgliedstaaten, deren Stimmrecht sich an ihrem Kapitalanteil orientiert. Der Mitgliedstaat mit den größten Stimmanteilen sind die USA mit 16, 75%. Haben demzufolge die USA das Sagen? Wie ist der IWF überhaupt aufgebaut?

„Der IWF ist so aufgebaut wie andere Finanzorganisationen auch. Er hat ca. 2.600 Mitarbeiter, ein Direktorium und einen Gouverneursrat. Die USA besitzen allerdings Sperrminorität und Vetorecht, es kann also keine Entscheidung ohne ihr Einverständnis getroffen werden.

Der wichtigste Faktor für die Übermacht der USA aber ist die weltweite Dominanz des US-Dollars. Er ist nicht nur die globale Leitwährung, sondern auch die wichtigste Reservewährung. Alle Zentralbanken der Welt halten einen großen Teil ihrer Devisenreserven in US-Dollar. Die ganze Welt ist also auf den Dollar angewiesen, aber das einzige Land, das ihn drucken darf, sind die USA. Auf diese Weise beherrschen sie mit Hilfe ihrer Währung das Finanzgeschehen der ganzen Welt.“

Geopolitika: Der IWF ist Schwesterorganisation der Weltbank. Wie sieht diese Kooperation in der Realität aus?

„Die Weltbank ist hauptsächlich für die Finanzierung von großen Investitionsprojekten wie Eisenbahnlinien, Häfen oder Staudämmen zuständig. Die Hauptaufgabe des IWF ist die des „Kreditgebers letzter Instanz“. Der IWF greift immer dann ein, wenn ein Land in Zahlungsschwierigkeiten gerät. Er bietet ihm Kredite an, knüpft diese aber an harte Bedingungen, die die Souveränität des Landes einschränken und es den Interessen des internationalen Finanzkapitals unterordnen. Der IWF handelt im Grunde wie ein Pfandleiher, der die Notsituation seiner Klienten ausnutzt, um sie auf diese Weise gefügig zu machen und sich an ihnen zu bereichern.“

Geopolitika: Ein Wort, das immer wieder im Zusammenhang mit dem IWF gebraucht wird, ist Strukturanpassungsprogramme. Wie sieht die Umsetzung solch eines Projektes aus?

„Mit den Strukturanpassungsprogrammen hat der IWF sein Vorgehen Ende der Siebziger Jahre auf der Grundlage des Neoliberalismus systematisiert. Die wichtigsten Eckpfeiler dieser Programme sind die Liberalisierung, die Deregulierung und die Privatisierung.

Die Liberalisierung beinhaltet unter anderem die Aufhebung von Importbeschränkungen. Sie führt dazu, dass einheimische, zumeist mittelständische Betriebe mit riesigen transnationalen Konzernen konkurrieren müssen. Auf diese Weise wurden z.B. viele afrikanische Staaten, die sich früher mit Nahrungsmitteln selbst versorgt haben, von internationalen Nahrungsmittelkonzernen abhängig gemacht.

Die Deregulierung bedeutet die Aufhebung aller Restriktionen für ausländische Investitionen. D. h. inländische Investoren müssen mit den Giganten der Wall Street konkurrieren und werden von ihnen überrollt.

Die Privatisierung führt dazu, dass zuvor subventionierte Güter wie Wasser oder Energie nach dem Aufkauf durch ausländische Konzerne teurer und teilweise für die unteren Einkommensschichten unerschwinglich werden. D.h.: Strukturanpassungsprogramme begünstigen die großen internationalen Investoren und schaden der einheimischen Bevölkerung.“

Geopolitika: Welche Rollen spielen eigentlich die „Pariser“ bzw. „Londoner Clubs“ in der IWF Organisation?

„Der Pariser Club ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr der IWF das Licht der Öffentlichkeit scheut. In dieser Einrichtung werden seit Jahrzehnten unter Ausschluss der Öffentlichkeit sehr wichtige Finanzentscheidungen getroffen, die das Schicksal von Millionen von Menschen beeinflussen.

Die Gründung des Pariser Clubs geht auf das Jahr 1956 zurück. Damals trafen sich Vertreter Argentiniens, das unter Zahlungsproblemen litt, und Vertreter der IWF im französischen Außenministerium in Paris, um die Schulden des Landes zu restrukturieren. Aus diesem Treffen entwickelten sich regelmäßige Treffen zwischen dem IWF und Schuldnerländern.“

Ernst Wolff im Interview mit dem serbischen Magazin Geopolitika.