Ex-Deutsche Bank Chefvolkswirt: „Wir brauchen ein neues Geldsystem“

Ein neues Geldsystem? Haben wir überhaupt ein System des Geldes? „Oh ja“, würde Thomas Mayer wohl antworten, „und nicht gerade ein Gutes“.  Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank hat ein neues Buch veröffentlicht. In diesem rechnet er mit seinem eigenen Berufszweig ab und verzichtet auf Klischees und Stereotypen. Es ist eine knallharte Abrechnung mit dem gegenwärtigen Finanzsystem geworden.

Als 2012 Josef Ackermann an der Spitze der Deutschen Bank durch die Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen ersetzt wurde, trat auch der promovierte Volkswirt Mayer ab. Schon während seiner Zeit bei der Deutschen Bank hatte er Zweifel an der bestehenden Zins-, Geld- und Kreditpolitik geäußert. Er hatte früh einen Schuldenschnitt für das kriselnde Griechenland angeregt – und dafür konzernintern auch Kritik einstecken müssen. Er arbeitete für den Internationalen Währungsfonds (IWF), bei der US-Investmentbank Goldman Sachs und bei der Deutschen Bank. Er nutzte die mathematischen Modelle und ökonomischen Glaubenssätze, die er gelernt hatte: Der Markt ist effizient, die Menschen handeln rational, und am Ende kommt alles schon wieder ins Gleichgewicht.Im Jahr 2010 stieg Mayer bei der Deutschen Bank zum Chefvolkswirt auf, einer der renommiertesten Posten des Hauses. Doch da nagten längst die Zweifel an ihm. Sein neues Buch “ Die neue Ordnung des Geldes. Warum wir eine Geldreform brauchen “ ist die Vollendung seiner finanzsystematischen Weltanschauung. Es ist ein Buch voller harter Kritik geworden, und voller Forderungen.

Im aktuellen System sind es vor allem die Banken, die neues Geld aus dem Nichts in die Welt bringen. Sie tun dies, indem sie Kredite vergeben. Und wenn sie dabei an Grenzen kommen, helfen ihnen die Zentralbanken aus. Im Endeffekt kann die Geldmenge so immer weiter steigen – für Mayer die Grundlage aller Finanzkrisen. Das viele Geld führt demnach dazu, dass die Preise zu schnell steigen. Es bilden sich Preisblasen, die irgendwann platzen und zwangsläufig Krisen nach sich ziehen. Doch die Staaten und Notenbanken lassen diese Krisen nicht zu. Sie greifen ein und stützen die Wirtschaft mit noch mehr billigem Geld. So verzerren sie die Marktpreise und schaffen neue Preisblasen – ein hochgradig instabiles System. In genau so einer Situation befindet sich die Wirtschaft derzeit, meint Mayer: „Wir haben die erste Runde der Krise bekämpft, aber wir kommen nicht mehr raus aus der Politik des billigen Geldes.“ Den Banken und Staaten will Mayer deshalb jeden Zugriff auf die Schöpfung neuen Geldes entziehen. Er spricht von einem „Aktivgeldsystem“.

Mayer plädiert dafür, das derzeitige Kreditgeld durch „Aktivgeld“ zu ersetzen. Aktivgeld? „Geld, das im Gegensatz zum Kreditgeld nicht durch ein Schuldverhältnis zustande kommt, sondern auf einem Aktivum beruht, erklärt der Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Das Entscheidende an diesem Geldsystem: Das Geld ist nicht beliebig vermehrbar. Den Banken und Staaten ist damit jeder Zugriff auf die Schöpfung neuen Geldes entzogen, wie „Der Spiegel“ feststellt. Stattdessen gibt die Zentralbank in Mayers Aktivgeldsystem das Geld direkt an die Bürger aus. Geld, das sie nicht beliebig druckt, sondern durch „das Vertrauen der Bürger ins Geld“ produziert. Wie das genau funktionieren soll, darauf geht Mayer in dem Interview mit der „WirtschaftsWoche“ nicht näher ein. Allerdings sei es essentiell, dass die Menschen zwischen unterschiedlichen Währungen wählen könnten. Dieser Wettbewerb der Währungen würde jeglichen Emittenten, etwa der EZB, Grenzen setzen und somit gewährleisten, dass nicht zu viel Geld ausgegeben wird. Der Radikalliberalismus der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ lässt grüßen.

Allen in Allem ist es ein lesenswertes Buch geworden, ein knallhartes systemkritisches Buch, das ohne Pauschalkritik auskommt. Es zeigt wie wenig die systematischen Grundsätze diskutiert werden und wie schnell „Andere“ als Außenseiter gelten. Als Chefvolkswirt und Bankier mit langjähriger Erfahrung bringt Mayer einiges an Vorwissen in das Buch und versucht auch neue Forderungen zu formulieren.