in Finanzsystem

“1913″: Florian Illies macht in seinem Buch die hundert Jahre zwischen 1913 und heute vergessen und besichtigt eine Kultur vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, am Vorabend der Katastrophe. “1913″ ist vielleicht das opulenteste Buch zur aktuellen Krise, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Als Leser von heute hört man beim Blättern im Buch förmlich das Grollen der Kanonen. Die damaligen Zeitzeugen, die Illies uns vorführt, aber hörten es nicht – ganz im Gegenteil, oft herrschte Aufbruchstimmung in ein goldenes Zeitalter. In den Folgejahren versank Europa in Schutt und Asche. Damals war es “fünf vor zwölf”. Und keiner hat’s gemerkt (oder wissen wollen). Und heute?

Eine Karrikatur im “New Yorker” greift das auf: Armageddon? Egal, erst machen wir mal noch schöne Gewinne. Nicht ganz unpassend auch zur aktuellen Situation an den Finanzmärkten…

Stichwort “1913″: Gibt es einen Zusammenhang zwischen schweren Wirtschaftskrisen und großen Kriegen? Ohne Zweifel durchleben wir heute eine solche Krise (siehe z.B. hier).

Schwere Wirtschaftskrisen sind Ausdruck der Tatsache, dass die Lebensgrundlagen einer Gesellschaft in ernster Gefahr sind. Schließen wir hier exogene Katastrophen aus, so geht dies in aller Regel zu Lasten der politischen Führung dieser Gesellschaft: Sie konnte oder wollte die Krisensituation nicht abwenden. Versagen die „friedlichen“ politischen Mittel, um die Situation in den Griff zu bekommen, kommt es zum Krieg: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (Carl von Clausewitz, preußischer General).

Eine besondere Form des Kriegs ist der gegen die eigene Bevölkerung, für die sich die Regierungen der industrialisierten Hemisphäre seit längerem mit dem Terrorismus als Vorwand rüsten. Eine gewaltsame Unterdrückung der eigenen Bevölkerung setzt entsprechendes „revolutionäres“ Potenzial voraus – ansonsten gibt es für die Kleinhaltung des Widerstands leichtere und kostengünstigere Alternativen (z.B. „Brot und Spiele“, heute „Fun“ genannt; oder Hartz IV).

Was zeichnet eine schwere Wirtschaftskrise aus? Beschränken wir uns auf die kapitalistische Produktionsweise, so dürften das Situationen sein, die von galoppierender Inflation, parabolischem Verschuldungsverlauf, andauernder Massenarbeitslosigkeit oder auch ernster Deflation gekennzeichnet sind.

Dies sind Erscheinungen auf der Ebene der „Produktionsverhältnisse“, also der Ebene der Beziehungen der Wirtschaftssubjekte zueinander. Ich führe den zweiten Begriff aus der Ökonomie eines gewissen Karl Marx ein, den der „Produktivkräfte“. Dieser umfasst die technologischen Merkmale der gesellschaftlichen Produktion, also letztlich das, was mit realen Gütern zu tun hat. Die Produktionsverhältnisse beschreiben das „Wie“ der gesellschaftlichen Produktion, die Produktivkräfte das „Was“.

Die Produktivkräfte sind aus meiner Sicht der grundlegendere Aspekt, der unmittelbar mit dem Zweck der gesellschaftlichen Produktion zu tun hat, die Lebensgrundlagen der Gesellschaft sicher zu stellen. Die Produktivkräfte bringen mich zu den Kondratieff-Zyklen, langen Wirtschaftszyklen von fünf und mehr Dekaden Dauer, die von Basisinnovationen getragen werden.

Die jüngsten vier Kondratieff-Zyklen sind seit Beginn des 19. Jahrhunderts „Eisenbahn“, „Elektrizität und Stahl“, „Kraftfahrzeug“ und „Elektronik, Informations-, Kommunikationstechnologie“.

Die langen Wellen nach Kondratieff zerfallen in eine wirtschaftliche Expansion mit Aufschwungs- und Rezessionsphase, sowie die Kontraktion mit Wachstumsplateau- und Depressionsphase. Gerne werden die langen Zyklen auch in vier Teile geteilt und mit „Frühling“, Sommer“, „Herbst“ und „Winter“ betitelt. Im jeweiligen „Sommer“ ist der Zyklus maximal entwickelt, ab dann geht die technologische Entwicklung der Basisinnovation nur noch graduell weiter, eher im Sinne von Verfeinerung, Verbesserung, rationellerer Herstellung und leichterer Benutzbarkeit.

Nimmt man übrigens Kreditzyklen hinzu, die in etwa mit 28 Jahren Länge zu veranschlagen sind, so passen diese recht gut in das Kondratieff-Schema. Der erste Kreditzyklus begleitet die Expansion, der zweite die Kontraktion, in der die treibende Kraft der Basisinnovation abnimmt.

Ein kurzer Einschub an dieser Stelle: Ich möchte mich nicht sklavisch auf eine bestimmte, genau definierte Länge solcher Zyklen und der „Jahreszeiten“ festlegen. Das entspräche nicht den realen Gegebenheiten einer Vielzahl von Einflussfaktoren. Die Angaben sind Richtwerte mit rund 15% Toleranz in beide Richtungen. Hinzu kommt, dass die seit mindestens 15 Jahren stattfindenden heftigen Eingriffe der Notenbanken und der Politik den Zyklusablauf in die Länge ziehen dürften.

Die Wahrscheinlichkeit von Kriegen entlang des Kondratieff-Ablaufs ist dann erhöht, wenn sich wirtschaftliche Probleme kulminieren. So lässt zur Mitte des Zyklus hin das Innovationspotenzial der Basis-Erfindungen nach. Die Wirtschaft muss sich umstellen, Unternehmensgewinne steigen langsamer, der Schuldenstand wird größer, Preise und Zinsen steigen. Es kommt zu einer „primären Rezession“. Diese Schwierigkeiten steigern die Wahrscheinlichkeit von „Scheitelkriegen“.

Im „Winter“ sinkt der allgemeine Wohlstand rapide ab, die Wirtschaftstätigkeit erlahmt auf breiter Front. Auch auf stabilem, niedrigem Zinsniveau werden Kredite in größerem Umfang nicht mehr bedient. Innovationen sind inkrementeller Natur, Konsolidierung ist das zentrale Stichwort in der Wirtschaft. Als eine Folge der zunehmenden wirtschaftlichen Probleme scheitern etablierte politische Bündnisse immer häufiger, es entstehen in rascher Folge neue Konstellationen. Ein größerer Krieg hilft schließlich, die Depression zu beenden und eine wirtschaftliche Erholung einzuleiten. Es kommt zu bahnbrechenden neuen Erfindungen, die aber noch nicht realisiert werden. Dann beginnt ein neuer Kondratieff-Zyklus.

Jetzt zur Einordnung der Kriege im 20. Jahrhundert. Der erste Weltkrieg wäre ein so genannter „Scheitelkrieg“ im von der Basisinnovation „Kraftfahrzeug“ bestimmten Kondratieff-Zyklus. Dementsprechend würde ich den zweiten Weltkrieg als Begleiterscheinung des entsprechenden „Winters“ sehen.

Der Vietnam-Krieg wäre als „Scheitelkrieg“ im aktuellen von „Elektronik, Informations-, Kommunikationstechnologie“ getriebenen Kondratieff-Zyklus einzuordnen. Nach diesem Schema steht ein größerer Krieg zum Ende des laufenden Zyklus noch aus. Herde, aus denen sich schnell ein Brand entwickeln kann, gibt es genügend.

Das folgende Bild gibt eine Zuordnung von Kriegen zu Phasen im Kondratieff-Zyklus (Chart-Quelle):

Das was heute als “Währungskrieg” durch die Gazetten geistert, verdient zwar noch nicht einmal die Bezeichnung. Aber es sollte als Hinweis auf zunehmende Spannungen in einem weltwirtschaftlich nachhaltig krisenhaften Umfeld ernst genommen werden. Denn die alten Wachstumsraten sind dahin und damit die “beste” Art der Krisenbewältigung. Umso eher wird versucht, eigene Probleme auf Kosten der Nachbarn zu lösen. Bei Japan wird es nicht bleiben.

Was die Frage angeht, wem nützt ein Krieg, so gibt es für die USA eine klare Antwort. Im Verlauf des ersten Weltkriegs hat sich ihr nominales BIP von 39 auf über 85,4 Mrd. Dollar verdoppelt. Die Arbeitslosenquote sank von 8,5% in 1915 auf 1,4% in 1919. Im zweiten Weltkrieg stieg das US-BIP von knapp 100 auf über 210 Mrd. Dollar, die Arbeitslosenquote sank 1944 auf 1,2% – von gut 25% im Jahre 1933. Und als „nicht-materieller“ Gewinn schlug zu Buche, dass der amerikanische Dollar zur Leitwährung in der Welt aufstieg.

Wann ist der gegenwärtige Kondratieff-„Winter“ zu Ende? In der zweiten Hälfte dieser Dekade.
Welche Basisinnovation wird den nächsten Kondratieff-Zyklus tragen? Ich vermute, es geht um Energie. Sichtbar an wirklicher Basisinnovation ist aktuell wenig.
Wo ist die Wahrscheinlichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung größeren Ausmaßes am höchsten? Im Nahen Osten/Iran – das träfe auch zusammen mit dem Energie-Thema.

Hinweis:

Einen Überblick über die Theorie von Kondratieff finden Sie hier (Ausschnitt aus “Weltsichten – Weitsichten” von R. Rethfeld und K. Singer)

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