Vertrauen ade: Was sich ein Kleinsparer so denken sollte

Von René Zeyer

Gespartes Geld, Bank, Sicherheit. Auf diesem Fundament ruht jedes Geldinstitut. Und das ist gerade in Zypern europaweit untergegangen.

Im «Spiegel» bringt es der Kolumnist Wolfgang Münchau sehr schön auf den Punkt: «Sparer haben jetzt überall einen rationalen Grund, in Panik zu verfallen.» Eigentlich haben sie sogar eine Vielzahl von rationalen Gründen, überall in der Euro-Zone. Es bleibt nun abzuwarten, ob Kleinsparer massenhaft so irrational sind, nicht in Panik zu verfallen.

Der fundamentale Grund für Panik

Wer’s auch immer erfunden hat und in welche Verpackung es auch immer gehüllt wird: Die Entscheidungsträger der EU hatten einstimmig klargemacht, dass sie auf eine Einlagesicherung für Sparguthaben pfeifen. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob sie vorläufig wieder zurückgerudert sind und sich im Moment nicht an Einlagen von weniger als 100’000 Euro vergreifen wollen.

«Die Renten sind sicher» und «Kleinsparer sind sicher» sind die beiden Pfeiler eines grundlegenden Vertrauens. Die Renten sind schon lange nicht mehr sicher, nun sind es auch Sparguthaben nicht mehr. Schlimmer geht’s nimmer.

Freier Kapitalverkehr ade

Das Gewurstel und Gemurkse im «Ausnahmefall» Zypern (nach dem Ausnahmefall Griechenland, Portugal, Spanien, usw.) führt zwangsläufig und mindestens zu einer Kapitalflucht aus allen in gröberen wirtschaftlichen Problemen steckenden Ländern der Euro-Zone. Die einzige Möglichkeit, sie einzudämmen, besteht in Beschränkungen des freien Kapitalverkehrs. Wohlgemerkt innerhalb der gleichen Währung. Ein Unding ohne historischen Vergleich.

Das ist so, wie wenn man aus Kalifornien nicht mehr unbeschränkt Dollar nach Florida verschieben könnte. Oder Franken von Basel nach Zürich.

Wirtschaftsaufschwung ade

Wer würde heute, ohne robustes Risikovermögen, in Zypern, Griechenland, Spanien investieren? Niemand – ausser, er verspricht sich, no risk, no fun, einen satten und schnellen Profit. Und wer würde ernsthaft daran denken, sein Sparguthaben einer zypriotischen, griechischen, spanischen Bank neu anzuvertrauen? Diesen Finanzinstituten also die nötige Geldzufuhr zu verschaffen, damit sie ihrerseits Geld ausleihen können? Niemand. Ohne Kredite kann nicht investiert werden, ohne Investitionen gibt es keinen Wirtschaftsaufschwung. Also sind alle diese Länder zu einer anhaltenden Rezession verurteilt. Und natürlich nicht nur sie.

Kopf-an-Kopf-Rennen

In Zypern erwartet man einen Rückgang des BIP, also der Wirtschaftsleistung, um mindestens 20 Prozent. Das kann man gesichert prognostizieren, weil das in Griechenland bereits geschehen ist. Ein dermassen massiver Einbruch ist, da muss man dem US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman zustimmen, nur und allenfalls mit flexiblen Wechselkursen aufzufangen.

Das ist innerhalb des Euro bekanntlich nicht möglich. Als Alternative bliebe nur eine deutliche Senkung der Stücklohnkosten, also ein Absenken der Einkommen um mindestens 20 Prozent. Das ist nicht möglich, ohne die soziale Ordnung einer Gesellschaft in Frage zu stellen. Also ist das Rennen zum Ausgang aus dem Euro offiziell eröffnet.

Der arme Dijsselbloem

Der niederländische Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem hat nicht nur einen für Nicht-Holländer schwer auszusprechenden Namen. Er hat zudem das Pech, eine einfache Wahrheit gelassen ausgesprochen zu haben. Eine marode Bank wird in der EU abgewickelt, indem Aktionäre, Besitzer von Obligationen und Einleger, und zwar in dieser Reihenfolge, zur Kasse gebeten werden.

Das ist in Zypern so, das wird überall so sein. Zypern sei dafür eine Blaupause, sagte er, bevor er, wir sind doch in der EU, kräftig zurückruderte. Nun wirft diese banale Wahrheit aber ein Schlaglicht auf eines der vielen weiteren Probleme, das die Euro-Zone hat.

Keine Banken-Union

Die grossartige Einlagensicherung bis 100’000 Euro gilt, inzwischen, wieder überall in der Euro-Zone. Aber es gibt, da das kühne Projekt Banken-Union auch wieder aufs Eis gelegt wurde, weder eine europäische Bankenaufsicht, die den Namen verdient hätte, noch eine europäische Einlagensicherung. Also fühlt sich ein deutscher Sparer logischerweise entschieden sicherer als ein zypriotischer, portugiesischer, griechischer, spanischer oder italienischer Kleinanleger. Also müssten diese schnurstracks ihre Sparkonten nach Deutschland verlegen. Was ihnen deshalb natürlich verboten wird. Was ihr Vertrauen in die nationale Einlagegarantie ungemein steigert. Das kann mal wieder nur die EU: Beide Varianten sind gleich schlecht. Sozusagen alternativlos schlecht.

Zypern ist nur eine Insel

Immerhin, was die Eurokraten bei der «Rettung» dieser kleinen Insel mit einem Anteil von 0,2 Prozent am BIP der EU angerichtet haben, hat auch etwas Gutes. Es beschleunigt den Zerfall des Euro ungemein. Und die Chancen steigen täglich, dass die zypriotische Regierung ein Einsehen hat und den Austritt beschliesst. Oder aber, sie wartet zu, während das Chaos täglich zunimmt. Oder traut sich wirklich einer der unermüdlichen Verteidiger des Satzes «scheitert der Euro, scheitert Europa» den Zyprioten, den Griechen, den Kleinsparern, den zu über 50 Prozent arbeitslosen spanischen Jugendlichen zu sagen, dass sie da durch müssen, weil nur so Prosperität und Wohlstand ausbrechen werden? (Erschienen auf: www.journal21.ch)