in Europa

Vielleicht liegt es daran, dass ich zu viel ähnliche Szenen gesehen und erlebt habe, wo Fähnchenschwingende Menschen zu einem bestimmten Anlass bezahlt werden, ich weiss es wirklich nicht. Und Gott bewahre, ich möchte niemandem etwas in diese Richtung unterstellen. Erst recht nicht bei einer musikalischen Großveranstaltung wie der Eurovision Song Contest (ESC), bei dem es laut eigenen Angaben nicht um Politik, sondern um Musik geht. Stolz erklärten die Moderatoren des Abends, dass es den ESC seit dem Kalten Krieg gibt, und schon damals politischen Freund und Feind zusammenbrachte.

Und doch fiel mir als allererstes das blau/gelbe Fahnenmeer im Publikum auf, als die Kameras in der Globe Arena von Stockholm/Schweden über die Zuschauerränge schwenkten. Es waren aber nicht schwedische Fahnen, die ebenfalls blau/gelb sind, die mir ins Auge stachen, sondern ukrainische. Vielleicht war es eine solidarische Geste der Schweden (Schweden pflegt eine sehr enge Beziehung zur Ukraine), vielleicht waren es Ukrainer die in Schweden leben, wer weiss. Auffällig war auch die Reaktion zu Beginn des Finales, als alle Teilnehmer wie einem Modellwettbewerb kurz vorgestellt wurden. Jamala, die ukrainisch-tatarische Vertreterin, erhielt mehr Beifall als der Schwede Frans.

Ein Schelm der jetzt eine Verschwörung irgendeiner Art wittert. Es ging ja schließlich nur um Musik, nicht um eine Regierungswahl.
Schon früh regte sich um den Song von Jamala erhebliches Interesse. Meinte sie wirklich „nur“ die Geschichte ihrer eigenen Familie mit dem Lied „1944“, oder spielt sie auch auf den aktuellen Ukraine Konflikt und der Abspaltung der Krim-Halbinsel an? Diese Frage beantwortete die Organisatorin des ESC bereits am 9. März:

Da ja politische Lieder nach ESC-Regeln nicht erlaubt sind, „bestätigte die Jurorengruppe das weder der Titel noch die Lyrik des Liedes politische Sprache beinhalten und nicht gegen ESC-Regeln verstossen“.

Ganz anders klang es dagegen beim Stern: „So politisch ist der Sieg von Jamala“ war der erste Titel des Artikels. Ja was ist er denn nun der Song „1944“, nur eine persönliche Widmung der Sängerin an ihre Urgroßmutter, wie sie es selbst sagt, oder eben doch eine politische Stellungnahme, eingebettet in einem Lied? Nicht dass das was Besonderes wäre. Es gibt wohl keine andere Art der Ausdrucksweise in der Geschichte der Menschheit, als Botschaften in Lieder zu verpacken und sie der betroffenen Gesellschaft und der Nachwelt zur Verfügung zu stellen. Aber dann sollte man wenigstens dazu stehen.
Wie der Stern-Artikel korrekterweise festhält, war die Abstimmung am Ende des Wettbewerbs ein reines Politikum. Die Jury`s der Länder, im Vorfeld natürlich durch die nationalen Fernsehanstalten selektiert, stimmten fast völlig diametral zu der entsprechenden Bevölkerung ab. Nichts neues, werden jetzt einige denken. Aber wenn sich sogar Samantha Power, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, die kanadische Vertretung bei der NATO oder die NATO selbst dazu äußert, dann geht es längst nicht mehr um Jamala`s Lied. Es geht nur um Politik, um große Politik.

So spricht die Reaktion des kanadischen Botschafters in der Ukraine Bände, als er erfahren hat, dass sich das Alexandrow-Ensemble der russischen Armee bereit erklärt hat, an der nächstjährigen Eurovision in der Ukraine teilzunehmen.

Auch wenn die Intention hinter dieser Entscheidung eine politische ist, wird sich zeigen ob die ESC-Jury ebenso die eigenen Werte verraten wird, wie sie es dieses Jahr getan haben. Ob der Text von „1944“ politisch ist oder nicht, soll jeder für sich selbst entscheiden. Aber gemäß eigenen Richtlinien, müsste ESC jedes Lied disqualifizieren, das „die Show, den Eurovision Song Contest als solchen oder die EBU in Misskredit bringt“. Das ganze Gerangel im Nachhinein der Veranstaltung, wo Menschen sich in den sozialen Medien aufregen bis die Tasten glühen, wo Diplomaten in aller Öffentlichkeit die Etikette der Diplomatie vergessen, da stimmt irgendetwas nicht mehr.

Um ein Zeichen für die Zukunft zu setzen und sich tatsächlich um die „Einigung des europäischen Kontinents“ zu kümmern, sollte sich die in der Schweiz ansässige Organisatorin EBU solchen Fragen annehmen.
Dass es Jamala, mit bürgerlichem Namen Susana Jamaladinova, selbst nicht so genau mit der Politik nimmt, zeigte sie nicht zuletzt ausgerechnet bei jenen, die sie in ihrem Song als „Besatzer und Unterdrücker der Krim-Tararen“ anklagt: Russland. Bei einem Silvester-Auftritt 2015 im russischen Sotschi schien davon auf jeden Fall nichts nicht mehr übrig zu sein.

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  1. Auch wenn diese Provokation der RF vordergründig gesehen erfolgreich erscheint, so birgt sie für die Herrschenden dennoch die Gefahr, dass die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Meinung (hier dem Publikum) und den Funktionseliten (hier den nationalen Jurys) doch allzu deutlich wurde. Dies trägt zum Misstrauen gegen die politische Klasse, ihrem Machtapparat und den Medien bei und die Auswirkungen dieser Manipulation dürften für ihre Urheber negativer sein als der erhoffte Erfolg.

  2. Vor diesem Hintergrund ist es um so, sagen wir auffälliger, dass die NATO ebenfalls ihr Interesse an der Siegerin des Wettbewerbs entdeckt hat. Bereits im Dezember vergangenen Jahres(!) erschien auf dem Youtube-Kanal der Allianz(!) ein Porträt der Sängerin Jamala, gefeatured als eine der Women of Ukraine. Am (heutigen) Dienstag aktualisierten die Öffentlichkeitsarbeiter der NATO das Porträt, mit dem Zusatz: Jamala, winner of Eurovision Song Contest 2016…http://augengeradeaus.net/2016/05/mitmischen-im-infowar-die-nato-und-der-eurovision-song-contest/

  3. Abschaffen sollte man den überflüssigen Mist. Jetzt wo durch Juries abgestimmt wird, ist der ESC noch weniger sinnvoll als vorher.
    Es ist langweilig und teuer und inzwischen auch noch „gekauft“. Wer braucht / will so etwas?