Kommentar: Das würdelose Geschacher der EU um Flüchtlinge

https://www.youtube.com/watch?v=1FUHjIzhqAc

Am Montag erreichten die EU Innenminister im Streit um die Verteilung von Flüchtlingen in Brüssel einen sehr kleinen Fortschritt.  Dennoch bleibt das Geschacher um Menschen würdelos und eine Schande für ganz Europa.

In Internet-Diskussionen bezeichne ich mich gegenüber Menschen aus anderen Kontinenten immer als Europäer, was ich bei meiner letztjährigen Reise in die USA und Kanada ebenfalls tat. Erst auf Nachfrage hin spezifiziere ich dann. Ich sage nicht gerne, dass ich aus Deutschland komme. Es ist mir nicht peinlich, aber ich sehe einfach nur wenige Dinge in mir, die man mit Menschen aus Deutschland verbindet. Es klingt mir immer zu miefig, zu spießig, zu langweilig. Ein bisschen zu sehr nach ausgeprägtem Pflichtbewusstsein, peinlich genauem Ordnungsdrang, übertriebenem Fleiß, frühem Aufstehen, mit Hilfe der Wasserwaage gerade geschnittenen Hecken, Arbeit als Lebensinhalt Nummer 1 und dem starren Bestehen auf überflüssigen Regeln. Zugegeben, ich bin fast immer pünktlich. Ich sehe das allerdings nicht als deutsch an, sondern finde es einfach praktisch und respektvoll.

Mit dem Begriff Europäer konnte ich mich dagegen lange sehr gut anfreunden. Es ist nicht nur meine geographische Heimat, es ist deutlich mehr Lebensfreude als sie Deutschland verkörpert. Es ist auch London, Paris, Budapest, Amsterdam, Barcelona oder St. Petersburg. Es ist Pizza, Wiener Schnitzel, Jamón Ibérico, Bouillabaisse  und Kolbász. Es ist Kultur und Geschichte. Ich mag die europäische Idee schon aus dem simplen Grund, dass Verbündete für gewöhnlich keine Kriege untereinander führen. Ich finde es außerdem großartig, eine Landesgrenze passieren zu können, ohne warten und meinen Ausweis zeigen zu müssen sowie einiges mehr.

Ich schäme mich für Europa

In den letzten Monaten und Jahren  gibt es aber leider immer mehr Gründe, sich für Europa zu schämen. Die endlose Griechenlandsaga, welche uns noch lange beschäftigen wird, die Ukraine-Problematik und Kriege wie andere Konflikte, an denen wir teils alles andere als unschuldig sind und die vor unserer Haustür stattfinden. Erbärmlicher und ungeschickter als in der Flüchtlingsfrage stellen wir uns aber wohl in keinem anderen Bereich an. Über die widerwärtige Minderheit, die Unterkünfte abfackelt und offen gegen Fremde hetzt, will ich an dieser Stelle nicht schreiben. Der Quatsch, den Horst Seehofer im kurzen Bericht der Tagesschau erzählte, kann mich schon genügend zum Kopfschütteln bringen. Bayern gerät an die Belastungsgrenze? Ein Hohn, wenn man bedenkt, wie viele syrische Flüchtlinge mittlerweile in der Türkei leben. Es ist an der Zeit, die Belastungsgrenze nach oben zu verlegen. Vor allem jene in den Köpfen.

Aber wir können doch nicht alle aufnehmen? Mir ist erstens auch nicht bekannt, dass alle kommen wollen und zweitens verlangt das niemand. Gerade ein immer älter werdendes Land wie Deutschland, sollte schon aus Eigeninteresse mehr tun. Darüber hinaus gibt es etwas wie Empathie und zahlreiche andere Gründe. Wie wäre es mit der von uns leergefischten westafrikanischen Küste? Wie wäre es mit dem Klimawandel, an dem vorwiegend Nordamerika und Europa die Schuld tragen, während man in Afrika darunter leiden muss? Wir schicken unseren Elektroschrott und unseren EU-subventionierten Hähnchenfleischabfall nach Afrika, plündern Ressourcen, aber Verantwortung wollen wir nur so weit übernehmen, wie es gerade nötig ist, um unser Gewissen zu beruhigen.

Pflicht statt Wohltat

Viele Menschen scheinen es hierzulande als Wohltat anzusehen, Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist es aber nicht. Es ist unsere Pflicht, wenn es um Menschen geht, die in der Heimat um ihr Leben fürchten müssen. Bei den anderen müssen wir wohl erst einmal damit beginnen, sie nicht ständig zu diffamieren. “Wirtschaftsflüchtling” ist zu einer Beschimpfung geworden, die mit großer Inbrunst und Verachtung besonders gerne von Politikern christlicher Parteien benutzt wird. Wirtschaftsflüchtling klingt irgendwie so, als würden Menschen gemütlich vorbeimarschiert kommen, weil sie einfach gerade gerne mal modischere Klamotten, ein größeres Auto und ein eigenes Haus hätten. Sie wollen aber nur ein sichereres und menschenwürdiges Leben. “Lebensflüchtling” wäre ein besserer Begriff.

Für mich gibt es kein legitimes Recht, nach dem ein Mensch einem anderen vorschreiben darf, wo dieser zu leben hat. Mit welcher Überzeugung viele Leute offensichtlich anderer Ansicht sind, irritiert mich. “Hahaha, Du bist halt am falschen Ort geboren. Pech gehabt, wünsche noch ein schlechtes Leben!” Wir haben mit unseren Händen Grenzen künstlich geschaffen und wir können sie auch wieder beseitigen, selbst wenn wir in Ungarn gerade das Gegenteil tun. Ja, ich weiß:  Es ist eine Utopie. Ich glaube nicht, dass meine Kinder es erleben würden, hätte ich welche, aber unser wahres Ziel müsste es sein, Grenzen gänzlich abzuschaffen und jedem einzuräumen, dort wohnen zu können, wo er oder sie will. Vielleicht wird das auch in hundert Jahren nicht der Fall sein, aber es ist traurig, dass die meisten von uns nicht einmal davon träumen. Was aktuell geschieht, ist sogar mehr als traurig. Es ist eine bedrückende Schande, die schnellstens ein Ende haben muss.