Griechenland: Sündenbock und Prügelknabe der EU

Vor genau einem Jahr beherrschte kein anderes Thema so sehr die Medien wie das Drama um den möglichen Grexit.

Griechenland und seine damals noch rebellische Syriza-Regierung beherrschten die Schlagzeilen, eine wahre Kakophonie der kollektiven Hetze gegen die geschundene Nation im Süden Europas dröhnte monatelang aus allen Medien.

Ein Jahr danach ist der Grexit zwar kein Thema mehr; die Briten werden sich bald via Brexit von diesem unseligen Experiment namens EU verabschieden und nicht wenige der ca. 500 Millionen Untertanen wider Willen beten täglich inständig, dass der Brüsseler Bürokratiemoloch des Schreckens danach endgültig im Lokus der Geschichte verschwinden möge. Dennoch hat Griechenland es wieder einmal geschafft, sich in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit zu bugsieren; ohne „böse“ Absicht diesmal, aber trotzdem. Und schon wieder wird überlegt, ob man die Griechen irgendwo rauswerfen soll.

Und zwar diesmal aus dem Schengen-Abkommen. Das regelt – oder sollte es zumindest – den freien Reiseverkehr in der EU. Außer Kraft gesetzt wurde Schengen durch die deutsche Bundesregierung, in jenen ersten Wochen der Flüchtlingskrise, als Angela Merkel beschloss, sich über bestehende Gesetze zu erheben und die grenzenlose Willkommenskultur auszurufen. Für Staaten wie Griechenland und Italien war das ein Segen, denn endlich machten sich die vielen Flüchtlinge, die teilweise schon seit Jahren auf den Inseln dort gestandet waren, auf den Weg ins gelobte Schland.

Dass dieser Zustrom nicht ewig so weitergehen kann, daran hat offensichtlich keiner der Verantwortlichen gedacht. Wir alle kennen die unrühmliche Geschichte, die sich nun schon seit Monaten entspinnt: Wurden die Ungarn, die als Erste ihre Grenzen dicht machten, anfangs noch als Unmenschen gescholten, so findet sich mittlerweile auf der gesamten Balkanroute inklusive der Visegrad-Staaten kein einziger Grenzübergang mehr, der nicht in irgendeiner Form bewacht würde. Überall werden Obergrenzen eingeführt und/oder sonstige Maßnahmen ( wie Verschärfung der Asylbestimmungen, schnellere Abschiebungen) getroffen, um dem ständigen Zustrom von Flüchtlingen und Glücksrittern Einhalt zu gebieten. Überall, nur nicht in Deutschland – und Griechenland.

Wobei es einen gravierenden Unterschied gibt: In Deutschland geschieht es aus schierem Unwillen einer Kanzlerin, deren Motive schon lang nur noch Sinn ergeben, wenn man finsterste Verschwörungsmythen in Betracht zieht; Griechenland hingegen ist es aufgrund seiner geographischen Lage schlicht nicht möglich, die vielen tausend Inseln ständig zu überwachen und jedes Boot abzufangen, das sich von der Türkei her auf den Weg macht. Und selbst wenn man die Boote abfinge: Wie sollte man die Leute zurückschicken? Kaltherzige Entrüstung über die Unmöglichkeit einer Lösung für dieses Problem ist hier fehl am Platze – man kann diese Menschen schlicht nicht dem Tod durch Ertrinken überlassen, das geht einfach nicht.

Das führt nun also dazu, dass sich der Strom der Zuwanderer in Griechenland staut; das kleine Land im Südosten wird quasi zum Wellenbrecher. Da Österreich inzwischen auch die Grenzen zu Italien dicht macht, landet die EU als Ganzes wieder dort, wo man schon vor fünf Jahren war: Die Flüchtlinge kommen weiterhin, nur bleiben sie jetzt wieder ganz im Süden stecken. Einziger Unterschied sind die nach Norden hin hermetisch abgeschotteten Grenzen. Um dem ganzen Elend die Krone aufzusetzen, beginnt man jetzt wieder auf Griechenland herumzuhacken: Von Seehofer bis Mikl-Leitner, von Merkel bis Juncker, alle haben sie schon „ermahnt“ und „eingefordert“.

Tsipras hat zugesagt, dass seine Regierung alles dran setzen werde, niemanden ertrinken zu lassen. Er hat auch gesagt, dass Griechenland keine Möglichkeiten hat, diese Menschen länger im Land zu versorgen – wie sollte es auch, nachdem es erst im Vorjahr vorsätzlich und systematisch in den Ruin getrieben wurde? Erst wird das Land unter Federführung der Troika sowie von Merkel und Schäuble sturmreif geschossen und zur Ausplünderung durch skrupellose Spekulanten preisgegeben, dann beschweren sich genau jene Politiker, die das zu verantworten haben, dass Griechenland mit der Menge an Zuwanderern überfordert ist – so manchem Griechen wird das wohl wie ein besonders makaberer Witz der Geschichte erscheinen.

Das verbale Hinhauen auf Griechenland ist nichts als eine erbärmliche Schuldzuweisung, um vom eigenen Versagen abzulenken. Man hat die Büchse der Pandora geöffnet und kriegt sie jetzt nicht mehr zu; die Menschen stauen sich jetzt bereits in großer Zahl an den Grenzen zu Mazedonien, schon bald werden wir die ersten Fernsehbilder Not und Elend in diesen Lagern zu sehen bekommen. Doch die Verantwortlichen versichern uns schon jetzt glaubhaft, dass die griechische Regierung daran Schuld sei. Deshalb stellt man ihnen also die Rute ins Fenster: Findet die Quadratur des Kreises – oder raus aus Schengen.

Dieses diplomatische Glanzstück stammt übrigens von den Leuten, die täglich vehement eine „gesamteuropäische Lösung“ einfordern.