Griechenland: Staatsbankrott auf nach der Wahl vertagt

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Warum bis zum 22. September nichts passieren wird

Von René Zeyer

Auch ein Staatsbankrott kann in den Urlaub gehen. Vor allem, wenn wichtige Wahlen stattfinden. Nicht in Griechenland, aber in Deutschland.

Es ist heiss, nicht nur in Griechenland. Also mal eine erfrischende Dusche kalter Zahlen. Griechenland befindet sich im sechsten Rezessionsjahr in Folge. Seine Wirtschaft wird 2013, wenn Prognosen mal zur Abwechslung stimmen, um weitere 4,2 Prozent schrumpfen. Die Staatsschulden werden den bisherigen Höchststand von 175 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) erreichen. Damit ist die Wirtschaft seit 2007 um ein Viertel geschrumpft, die Arbeitslosigkeit liegt bei 27 Prozent (was in Wirklichkeit, denn an kaum einer anderen Zahl wird dermassen geschraubt, wohl als mindestens 35 Prozent gelesen werden muss).

Alles auf Kurs

Bevor wir trotz Hitze unter diesem kalten Strahl zu bibbern anfangen, jetzt die guten Nachrichten, wenn auch nur lauwarme. Auch die nächste Hilfstranche wurde überwiesen, 2014 soll Griechenland das erste Mal wieder ein Wirtschaftswachstum aufweisen, Spar- und Reformanstrengungen liessen zwar etwas zu wünschen übrig, aber die Hellenen seien grundsätzlich auf Kurs, sagt die Troika.

Und schon 2018 sinkt die Staatsschuldenquote auf nur noch 140 Prozent, Tendenz anschliessend weiter fallend. Also eigentlich alles super, die Odyssee nähert sich ihrem Ende, Penelope wartet, Happy-End. Wie kommt man darauf? Ganz einfach: mit Prognosen, Annahmen, Fortschreibungen, wozu haben wir denn eine Finanzwissenschaft, die bekanntlich in die Zukunft schauen kann.

Der ewig gleiche Taschenspielertrick

Da die Zukunft halt doch irgendwie unvorhersehbar ist, schauen wir mal in die Vergangenheit und greifen zwei fundamentale Werte der EU heraus, die Maastricht-Kriterien. Wir erinnern uns, als man in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts darüber nachdachte, wie man die etwas unterschiedlichen Volkswirtschaften in Europa unter dem Euro zusammenbringen könnte, beschloss man ein Prinzip und zwei Zahlen. Die sogenannte «No bail out»-Klausel untersagt, dass ein Euroland Hilfe von der Eurozone insgesamt, beispielsweise von der Europäischen Zentralbank, bekommt. Okay, war nur so eine Idee, sollte man nicht so eng sehen, wenn sich die Zukunft dummerweise unvorhersehbar entwickelt und alternativlos verlangt, dass man diese Klausel einfach vergisst.

Dann wurden noch zwei Zahlen in Stein gemeisselt. Die Neuverschuldung eines Eurolandes dürfe nicht 3 Prozent des BIP überschreiten, die gesamte Staatsverschuldung nicht 60 Prozent. Wie kam man auf diese beiden Zahlen? Wahrscheinlich in Anwendung modernster Finanzwissenschaft, grosses Denken, Rechnen, Atomphysik, Quantenmechanik, hohe Kunst. Ach was. Mit einem Taschenspielertrick.

Simpler Dreisatz

Auf diese beiden Zahlen kam man aus ganz banalen Gründen. Damals betrug die durchschnittliche Staatsverschuldung in Europa rund 60 Prozent. Die Politiker wollten sich nicht selber die Aufgabe aufbürden, diese Quote vor der Einführung des Euro runterschrauben zu müssen, denn so gewinnt man ja keine Wahlen. Man wusste auch, dass Regierungen die Gewohnheit haben, neue Schulden aufzunehmen. Der Erfahrungswert lag, richtig geraten, bei 3 Prozent pro Jahr. Damit dadurch die Staatsschulden nicht über 60 Prozent steigen, braucht man noch eine dritte Zahl. Wirtschaftswachstum, Konjunktur. Das generiert ein Steigen des BIP, daraus entstehen mehr Steuereinnahmen, alles bleibt im Lot. Wenn man zwei gesetzte Zahlen hat und eine Unbekannte sucht, dann braucht es keine Beherrschung von Integral- und Differenzialrechnungen, sondern ein paar Dreisätze und die gute alte Prozentrechnung.

Dadurch ergibt sich einwandfrei, dass es ein Wirtschaftswachstum von 5 Prozent pro Jahr braucht, damit bei 3 Prozent Neuverschuldung die Staatsschuldquote um die 60 Prozent verharrt. Na super, Problem gelöst, es wird ein solches Wirtschaftswachstum geben. Warum? Nun ja, freier Warenverkehr, riesige neue Wirtschaftszone, Synergien, Wegfall von mühseligen Umrechnereien, Zöllen, Bürokratie, Papierkrieg, Vereinfachung, Vereinheitlichung, blühende Landschaften, brummende Wirtschaftsräume, wäre doch gelacht. Wurde dann auch gelacht, denn ein solches jährliches Wachstum erreichte die Eurozone nur in ganz wenigen Ausnahmejahren, seit der Finanzkrise 1 nie mehr. Aber davon wollen wir uns doch nicht eine schöne Rechnung kaputt machen lassen.

Die Fortschreibung in die Zukunft

Griechenland geht es schlecht und schlechter? 240 Milliarden verröstete Hilfszahlungen später zeigen alle Zahlen nach unten statt nach oben? Steht das Wort Schuldenschnitt wieder im Raum? Ach, so sehen das Pessimisten. Realisten sehen das so: Nach dem Durchschreiten einer Talsohle kommt das alles wieder gut. Nur schon ein Wirtschaftswachstum von 3, 4, 5 Prozent wird in den nächsten 30, 20, 10 Jahren dafür sorgen, dass die Staatsschulden wieder auf 60 Prozent sinken. Lässt sich mit einer einfachen Excel-Tabelle beweisen, braucht nicht mehr als etwas Prozentrechnung, ist mathematisch unwiderlegbar, also richtig. Allerdings sind das keine Realisten, sondern Traumtänzer.

Denn diese Traumtänzer verwenden «unter der Annahme». Unter der Annahme einer Wirtschaftserholung. Aber unter der Annahme, dass sich die griechische Wirtschaftsmisere nach sechs Jahren einige weitere Jahre fortsetzt, kann man mit den gleichen Mitteln eine Excel-Tabelle erstellen, dass Griechenland bald einmal Japan als Weltmeister der Staatsverschuldung ablösen wird. Falls ein Staatsbankrott diesem Trauerspiel nicht vorher das erlösende Ende bereitet. Die Zukunft ist eben bedauerlicherweise unvorhersehbar. Jedoch nicht ganz. Als sichere Prognose kann ich wagen: Bis zum 22. September wird in Griechenland nichts Dramatisches passieren. Weiss ich das von Zeus persönlich? Aber nein, an diesem Tag finden die deutschen Bundestagswahlen statt. So einfach ist es manchmal, die Zukunft vorherzusagen. (Erschienen auf: www.journal21.ch)