in Europa

Wenn von den Menschen in der Ost-Ukraine die Rede ist, werden sie hauptsächlich als pro-russische Separatisten, pro-russische Rebellen oder sogar als Terroristen (offizielle staatliche Terminologie der Regierung in Kiev) bezeichnet. Deshalb wurde der Krieg den Kiev im April 2014 gegen die Menschen im Osten des Landes begonnen hat auch nicht als Krieg bezeichnet, sondern vorerst unter dem Synonym einer Anti-Terror-Operation geführt. Für den Aufbau der Propaganda war diese Bezeichnung enorm wichtig: die Logik hinter einer Anti-Terror-Operation ist ja schliesslich, dass mit diesem Mittel Terroristen ausgeschaltet werden sollen.

Schaut man sich die Berichterstattung aus dieser Zeit an, zum Beispiel einen Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), einer Zeitung der man allgemein nachsagt objektiv zu sein, dann wurde den Lesern genau dieses Bild einer ukrainischen Abwehr von „moskautreuen Aktivisten“ und „prorussischen Milizen“ übermittelt. Die Zietierung des Übergangspräsidenten in Kiev, Oleksandr Turtschinov, dieser Einsatz gelte „dem Schutz der Bürger vor Terroristen, die das Land zerreissen wollen“, vervollständigte dieses Bild dass es sich um eine notwendige Anti-Terror-Operation handelte. Immerhin hat der Staat die Pflicht, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen.

Für unsere Ohren, die seit dem 11. September 2001 nichts anderes mehr zu hören bekommen als das wir von Terroristen jeglicher Couleur unmittelbar oder auch nicht bedroht werden, klang diese Begründung der „Übergangsregierung“ in Kiev absolut plausibel. Immerhin entledigte sich diese „Übergangsregierung“ vor kurzem erst des „prorussischen Präsidenten“, der den unbedingten Willen der gesamten ukrainischen Bevölkerung, die sich in den Maidan-Protesten manifestiert hatte, zur Angliederung der Ukraine an die Europäische Union nicht respektiert hatte und sogar auf die friedlichen Demonstranten schiessen liess. Das ist das Narrativ welches uns von unseren westlichen Medien ununterbrochen übermittelt wurde.

Angesichts dieses Bildes in unseren Köpfen konnten diejenigen in der Ost-Ukraine die diesen Drang nach Westen und erst recht nicht den Putsch in Kiev unterstützten, nichts anderes als von Moskau gesteuerte Terroristen sein, die nun zurecht durch die ukrainische Armee bekämpft werden sollten: „zum Schutz der Bürger“ selbstverständlich.

Realität

Aber ist das wirklich so? Sind die Menschen im Osten der Ukraine, dem ressourcenreichsten Gebiet ohne das der Staat Ukraine nicht überlebensfähig ist, tatsächlich alle Separatisten, Rebellen oder sogar Terroristen?

Auch andere Medien gingen dieser Frage nach und entsandten ihre Korrespondenten in die Ukraine. Anfänglich aber nicht in den Osten des Landes, sondern nach Kiev! Dort wurden die Maidan Demonstranten interviewt, Gespräche mit normalen Bürgern der Stadt geführt, Bilder von dem grotesken Palast des vertriebenen Präsidenten Viktor Janukovitsch gezeigt, der die ganze Korruption und Bereicherung auf Kosten des einfachen Volkes symbolisierte, und natürlich durfte unser Box- und Mediendarling Vitali Klitschko in dieser Berichterstattung nicht fehlen.
Nachdem die ganzen Leute in Kiev befragt wurden, schien sich dieses Bild von den Menschen in der Ost-Ukraine zu bestätigen, jedoch ohne dass auch nur im Ansatz jemand daran dachte auch dort die Stimmung aufzunehmen. Erst einige Zeit später, genauer gesagt Anfang März 2014 berichtet beispielsweise die schweizerische Neue Zürcher Zeitung (NZZ) aus Donetsk und gibt ein objektives Bild der Stimmung aus dem Osten wieder. Leider ging dieser NZZ-Bericht im Meer der Propaganda der deutschen Medien vollkommen unter, die sich erst gegen Ende März nach Donetsk begaben. Doch während der NZZ-Reporter ganz offensichtlich um Objektivität bemüht war, berichteten die deutschen Korrespondenten nahezu allesamt aus dem Blickwinkel des neuen Regimes in Kiev, so dass sich für die grosse Mehrheit der Menschen die Abends ihre Nachrichten im Fernseher anschauten, ein völlig anderes Bild darbot als es eben die NZZ in ihrem Artikel festgehalten hatte.

Deshalb habe ich mich entschieden mir selbst ein Bild von der Situation und Realität vor Ort zu machen und reiste vergangene Woche nach Donetsk.

 

Nach dutzenden Gesprächen mit Einwohnern der Stadt, mit Flüchtlingen, hochrangigen Mitgliedern der Regierung der „Donetsker Volksrepublik“ (DPR) und Soldaten die man bei uns wohl als Rebellen bezeichnen würde, zeichnete sich ein gänzlich anderes Bild ab als jenes, das uns die Nachrichten übermittelt haben. Ich habe überall die gleichen Menschen, die gleichen Tragödien und die gleichen Hoffnungen vorgefunden, aber definitiv keine Terroristen. Ganz im Gegenteil, die Menschen waren trotz ihrer Situation – manche fanden Zuflucht vor den ukrainischen Häschern in einem ehemaligen UdSSR-Bunker, der für den Ernstfall eines atomaren US-Angriffs gebaut wurde – glücklich darüber dass sich jemand für ihr Schicksal interessiert und sie über ihre erlebten Erfahrungen sprechen konnten.

Irina Mihajlovna, eine äusserst nette Dame die 1925 in einem Dorf etwa 35 Kilometer westlich von Donetsk geboren ist, erzählte mir unter Tränen wie sie und ihre Familie den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, wie schwer es in dieser Zeit war sich vor den deutschen Nazis und den ukrainischen Faschisten zu verstecken und Nahrung zu finden. Doch wenigstens hatte ihre Familie ihren kleinen Hof wo sie immer wieder zurückgekommen sind sobald die Gefahr gebannt war und ihnen ihr Häuschen wenigstens das Gefühl von ein bisschen Sicherheit geboten hat.

Als der Krieg vorüber war, waren sich Irina und ihre Familie sicher nie wieder diese Ängste ausstehen zu müssen. Am Allerwenigsten hätten sie daran geglaubt, dass sich eines Tages ihre eigenen Nachbarn gegen sie wenden würden nur weil sie eine russisch-sprechende Familie sind. Das alles sollte sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ändern. Irina erzählt wie ihre Urenkel mit der Gründung des modernen Staates Ukraine in der Schule diskriminiert wurden, wie ihre russische Identität mit aller Macht zu unterdrücken versucht wurde. Kinder die zum Beispiel den Namen Jelena trugen, wurden plötzlich mit Elena angesprochen. Die russische Sprache wurde möglichst aus den Schulen verbannt, und wo das nicht ging wurde es auf zwei Lektionen pro Woche reduziert. Sehr oft mussten sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass russisch die „Sprache der Hunde“ sei die zu hunderten überall frei herumlaufen, und man es deshalb den ukrainischen Kindern nicht zumuten könne die „Hundesprache“ zu erlernen.

Im Geschichtsunterricht wollten sich die neuen Machthaber in Kiev verständlicherweise von der sowjetischen Vergangenheit distanzieren, doch anstatt dass in den Universitäten des Landes eine kritische Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit vorgenommen wurde, versuchte das Kultusministerium eine gänzlich neue Interpretation der ukrainischen Geschichte einzuführen. Eine Geschichte einer nationalistisch glorifizierten Ukraine, die Jahrhunderte der russischen Zugehörigkeit leugnete. Der damalige ukrainische Präsident Leonid Kutschma organisierte dafür eigens Geschichtsbücher aus der grossen ukrainischen Diaspora in Kanada solches Lehrmaterial, die seit dem 12. Jahrhundert einen steten Kampf der „stolzen ukrainischen Nation“ gegen Russland propagiert, um es in den Schulen für den Geschichtsunterricht zu benutzen.

Diese erzwungene „Ukrainisierung“ nahm insbesondere in der Verwaltung absurde Ausmasse an, wo ältere russischsprachige Menschen mit dem Ukrainischen nicht klar kamen und bei irgendwelchen offiziellen Dokumenten sich die Dienste eines Übersetzers holen mussten.
Obwohl also der Trend nach der Gründung des unabhängigen Staates Ukraine in Richtung eines neuen Nationalbewusstseins und einer Neuinterpretation der Geschichte offensichtlich wurde, glaubten dennoch alle Bürger dieses Staates Ukraine an eine friedliche Koexistenz. Selbst das unmittelbare Auftauchen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einer streng nationalistischen Organisation, der UNA-UNSO (Ukrainische Nationalversammlung – Ukrainische Selbstverteidigung), die sich vermutlich aus alten Sowjetbeständen Waffen geholt hatte und in der Ukraine und den angrenzenden Ländern mit ukrainischen Minderheiten den Nationalismus anstachelte, konnte an dem Glauben an einen gemeinsamen Staat Ukraine nicht erschüttern. Zu keinem Zeitpunkt suchte die russischsprachige Minderheit in der Ukraine irgendeinen Weg des „Anschlusses“ an Russland, sondern versuchte ihre eigenen Rechte in Kiev durchzusetzen.

Dieser Glaube zerplatzte schliesslich wie eine Blubberblase mit den Maidan Protesten in Kiev, als dort neben den Demonstranten plötzlich Gestalten von UNA-UNSO und des Pravy Sektor auftauchten, die die Proteste für sich usurpierten und immer wieder die Konfrontation mit den Sicherheitsorganen suchten. Der Putsch gegen den Präsidenten Janukovitsch wurde schliesslich erst dadurch ermöglicht, dass die USA in Form von Kathleen Hayden, der Repräsentantin des Nationalen Sicherheitsrats von Barack Obama, von den Putschisten verlangte die Eliteeinheit „BERKUT“ vom Maidanplatz abzuziehen, andernfalls man das Land mit dem beliebten Instrument der Sanktionen belegen würde. Der kürzlich ermordete Autor und Regimekritiker Oles Buzina schrieb am 23. Januar 2014 – vor dem Sturz Janukovitsch`s – einen Brief an den US-Botschafter in Kiev, dem mittlerweilen bekannten Geoffrey Pyatt, wo er ihm klarmachte dass der Abzug der BERKUT zu einem Desaster führen würde.

Dass dann die BERKUT tatsächlich den Befehl zum Abzug und somit zur Preisgabe Viktor Janukovitsch`s an die von den USA gestützten Putschisten erhalten hat, bestätigte mir der ehemalige BERKUT Kommandeur und heutiger Abgeordneter der Donetsker Volksrepublik, Juri Viktorovitsch.

Was dann geschah wissen wir ja. Ein Blutbad an unschuldigen Zivilisten am Maidanplatz beendete die diplomatischen Bemühungen des deutschen Aussenminister Frank-Walter Steinmeier jäh, und führte schliesslich zum Sturz von Viktor Janukovitsch. Offiziell begründet wurde uns ja das von unseren Medien und Politik, weil Janukovitsch den Befehl für dieses Blutbad erteilt haben soll und damit jegliche politische Legitimität verloren hat (als ob die Beurteilung dessen irgendwo in Berlin, London, Paris oder Washington getroffen werden kann).

Zahlreiche Journalisten und selbst die hervorragende deutsche Sendung „MONITOR“ kamen aufgrund der Zeugenaussagen und Fakten vor Ort zum Schluss, dass es nicht die Regierungtruppen gewesen sein konnten die dieses Blutbad angerichtet haben. Nun kam sogar die offizielle Bestätigung vom polnischen EU-Parlamentsmitglied und Präsidentschaftsanwärter, Janusz Korwin-Mikke:

„Ja, und es war auch unsere Operation. Die Scharfschützen wurden auch in Polen ausgebildet. … Lassen Sie es mich nochmal sagen: wir haben Washington einen Gefallen getan.“

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick


Anzeige

Dein Kommentar

Kommentar

  1. @Zlatko:

    Ein richtig toller Artikel. Ich wusste auch wie die Lage in den Republiken ist und welche Menschen wirklich dort leben da ich dort bekannte habe. Aber du gabst mir jetzt noch mal so eine Bestätigung, dass das ganze wirklich wahr ist.
    Weiterhin verachte ich die Übersee und EU dafür, dass sie die faschistische Regierung in Kiev unterstützen und finde die Lügen unserer Politiker wie „das sind Terroristen in Donbass“, „Kiev ist nicht faschistisch“ etc. für abscheulich.

  2. Absolut glaubhaft, auch ohne Bestätigung von dritter Seite.

    Wer hinschaute, konnte sogar die Brüche in der Berichterstattung der deutschen Fernsehsender erkennen – etwa als ein junger deutscher Reporter ganz erstaunt feststellte, dass die Schüsse auf dem Maidan gar nicht von den Sicherheitskräften ausgingen, sondern gegen sie gerichtet waren.

    Dieser Bericht wurde nur einmal gesendet und gegen alle Übung nie wieder. Dafür wurde aber fortan ausschließlich insinuiert, dass die Sicherheitskräfte ein Massaker angerichtet gehabt hätten.

  3. Meine Hochachtung für diese Reise und diesen Bericht. Außer Herrn Bartalmai kannte ich bisher keinen anderen deutschsprachigen Journalisten oder Aktivisten, der wirklich vor Ort war und über seine eigenen Erlebnisse ungefiltert berichtete. Gerne würde ich – schon um die Wertigkeit dieses und der hoffentlich folgenden Artikel belegen zu können – mehr über den Autor, seine Motivation und wie es ihm möglich war, diese Reise zu unternehmen (finanziell und zeitlich), erfahren. Seinem Blog ist leider nicht viel zu entnehmen.