in Europa

Am 14.12.2015 führte ich ein Interview mit dem Oberbürgermeister der griechischen Insel Lesbos, einer kleinen Insel von 85`000 Menschen, die laut Spyros Galinos nur „ein Punkt auf der Landkarte“ ist und dennoch fast die Hälfte des gesamten Flüchtlingsstroms nach Europa dieses Jahr als Eingangspunkt zu bewerkstelligen hatte.

Von der türkischen Westküste kamen hunderttausende Flüchtlinge und Migranten aus verschiedensten Ländern mit Gummibooten, Fischerbooten und manchmal sogar mit Luxusyachten über den Golf von Edremit nach Lesbos (je nach Abgangsort zwischen 7-9 Kilometer), zuletzt wagen sie sogar die fast doppelt solange Überquerung der Meerenge von Lesbos (ca. 15 Kilometer).

Herr Galinos sagte mir, dass er schon einige Journalisten dieses Jahr empfangen und Interviews gegeben hat, doch die meisten haben nur Teile des Interviews benutzt um eine eigene Geschichte damit zu bestätigen, was aber weder dem Verlauf des Interviews noch dem Sinn des Gesagten entsprach. Deshalb gebe ich das Interview in voller Länge wieder, ohne jegliche Änderungen oder Abkürzungen. Da es doch relativ lange ist, werde ich es in zwei Teilen veröffentlichen.

Interview mit Spyros Galinos, Bürgermeister der Insel Lesbos, vom 14. Dezember 2015:

Wie ist die Stimmungslage in der Bevölkerung auf der Insel Lesbos den Flüchtlingen gegenüber, die nach wie vor in grosser Anzahl täglich ankommen?

Meine Mitbürger haben von Anfang jeden Flüchtling, der hier angekommen, ist mit Wärme, Mitgefühl und Solidarität empfangen. Sie haben alles gegeben was sie können, um den Druck abzufedern, der auf den Menschen lastet, die vor Krieg und Kriegsgebieten geflüchtet sind, um dadurch ihren Kindern eine bessere und sichere Zukunft zu sichern. Und sie (die Bevölkerung Lesbos, Anm.) decken die zwischenmenschliche Defizite ab, die sie (Flüchtlinge und Migranten, Anm.) erleben mussten, und natürlich die Defizite der internationalen Gemeinschaft, die noch nicht das getan hat, was nötig ist, um auf diese Krise zu antworten.

Hat sich die Stimmung über die Zeit hinweg verändert?

Natürlich sind wir darüber frustriert, dass die internationale Gemeinschaft nicht das getan hat, was sie sollte, um der Krise etwas entgegen zu bringen. Und wir sind frustriert weil wir von Anfang an Hilfe benötigt hätten. Das hat dazu geführt das sich die Stimmung meiner Mitbürger verändert hat, aber nicht gegenüber den Flüchtlingen, die hier ankommen, sondern gegenüber der internationalen Gemeinschaft, die nicht das tut, was sie tun sollte. Und natürlich sind wir als Kommune frustriert, weil, als wir eingesprungen sind und Verantwortung übernommen haben, wir eigentlich gar keine Befugnis hatten, mit solch einer humanitären Krise umzugehen.

Wir sind eingesprungen, wir haben alles getan, was wir können. Wir haben Unterkünfte organisiert, Grundstücke (für Flüchtlingscamps, Anm.) zur Verfügung gestellt, wir versuchen Lösungen für Probleme des täglichen Bedarfs zu finden und zeigen dabei jeden Tag Flexibilität. Wir haben bürokratische Wege übersprungen. Gerade haben wir eine Vorladung des Bezirksstaatsanwalts und Bezirksrichters erhalten, um über diese Handlungen auszusagen die wir unternommen haben. Natürlich ist es also frustrierend, nachdem wir die Verantwortung im Namen der Europäischen Union übernommen haben und die Europäische Union ihrerseits ihren Teil bis heute nicht erledigt hat.

Ich habe auch über die Flüchtlingskrise in Kroatien berichtet und für mich sehen Ihre Probleme hier ähnlich wie jene in Kroatien aus.

Der einzige Unterschied dabei ist, dass Lesbos eine Insel und Kroatien ein Nationalstaat ist. Wir haben es dennoch geschafft, allein dieses Jahr über 420`000 Flüchtlinge unterzubringen, viele davon in den letzten drei Monaten. Es war sehr schwer für uns, angesichts einer fehlenden einheitlichen Europapolitik etwas zu unternehmen, einer einheitlichen Immigrations- und Asylpolitik. Es gibt diese Politik einfach nicht. Und während die Flüchtlinge durch verschiedene Nationalstaaten durchkommen, bilden sich kleine rassistische Gruppen und rassistische Bewegungen. Das hat natürlich nichts mit dem Vorurteil von den Menschen zu tun, sondern mit dem Fehlen eines Regelwerks.

Bekommen Sie denn überhaupt irgendwelche Hilfe von der Europäischen Union hier?

Nein, bis heute haben wir keine spezifische Hilfe erhalten. Wir haben hier eine Menge von europäischen Würdenträger empfangen und einige von ihnen haben uns finanzielle Hilfe versprochen. Doch bis jetzt haben wir keinerlei finanzielle Hilfe erhalten. Ich muss Ihnen sagen das wir das gesamte Budget der Kommune ausgereizt haben indem wir versuchen die Krise zu bewältigen, und es fällt mir sehr schwer, dass wir die Löhne unserer Mitarbeiter und Arbeiter hier nicht bezahlen können, weil das Budget verbraucht ist. Das ist ein unentschuldbarer Verzug seitens der Europäischen Union und ich möchte gerne daran glauben dass es so nicht weitergehen wird.

An was für Schritte denken Sie da mit dieser Aussage?

Der erste Schritt ist die Implementierung einer kohäsiven und kohärenten Europapolitik für sämtliche Flüchtlinge und Asylsuchende. Der zweite Schritt ist, dass uns, der Kommune, die Europäische Union ein Mandat erteilt, so dass wir nicht Gefahr laufen, Gesetze zu brechen, wenn wir versuchen, die Krise zu verwalten. Und natürlich ist der dritte Schritt finanzielle Hilfe, weil wir bereits die Unterbringungszentren und deren Operationskosten finanziert haben. Und der vierte Schritt ist wieder finanzielle Hilfe, für die Reinigung der Strände. Wir haben hier ein Umweltproblem mit dem ganzen Plastik, den Rettungswesten und Gummibooten, die hier überall liegen. Wir brauchen einen Einsatz zur Reinigung der Strände, das ist eine sehr wichtige Angelegenheit.  Es ist für uns sehr schwierig ohne ein EU-Mandat und ohne EU-Hilfe auf diese Krise zu antworten. Ausnahme bilden dabei die vielen NGO`s, die nach Lesbos gekommen sind, um uns zu helfen. Sie versuchen, die Lücke zu füllen, die durch das Ausbleiben einer EU-Hilfe entstanden ist. Und nun müssen wir nicht nur die Flüchtlingskrise verwalten, sondern auch noch die ganzen NGO`s, die hier auf Lesbos sind, koordinieren, und das ist für uns sehr schwierig.

Die EU-Länder sprechen die ganze Zeit vom Dublin-Abkommen. Doch in diesem Abkommen ist, zumindest meiner Auffassung nach, eine solche Krise nicht vorgesehen und es wurde eigentlich für etwas ganz anderes geschaffen. Und dennoch gibt es einige EU-Regierungen, die das Dublin-Abkommen als eine Art „Heiligen Gral“ in dieser Flüchtlingskrise halten. Was denken Sie über diese politischen Prozesse, kann das Dublin-Abkommen überhaupt in solch einer Krise angewendet werden?

Das ist natürlich eine Angelegenheit der Hochpolitik und die Kommunen sind darin nicht involviert, noch haben sie ein Mandat dazu. Doch was ich dazu sagen kann, ist, dass Probleme gewisse Strategien benötigen und das Dublin-Abkommen vertritt eine Strategie, die vor einigen Jahren implementiert wurde. Wenn Probleme auftauchen (die damit nicht zu lösen sind, Anm.), müssen wir die Strategie entsprechend anpassen.

Bevor ich hierher gereist bin, habe ich mit EU-Parlamentariern gesprochen die behauptet haben, dass Brüssel auch Zahlungen an die griechische Zentralregierung für diese Flüchtlingskrise geleistet hat, ebenso wie es der Fall war für andere Länder entlang der sogenannten Balkanroute ist. Diese Zahlungen sollten von der Zentralregierung dann an die entsprechenden Inseln weiter geleitet werden, die von der Krise betroffen sind. Natürlich kann ich diese Behauptung nicht mit Fakten untermauern, aber entspricht es der Tatsache, dass Sie hier keine Gelder der griechischen Zentralregierung erhalten haben?

Nein, ich denke, dass diese Informationen, die Sie erhalten haben, nicht korrekt sind. Wir haben keinerlei finanzielle Hilfe bis zum heutigen Tag erhalten. Aber ich muss Ihnen sagen, dass die Europäische Union zwar bereits eine Resolution zur Bereitstellung von Geldern für diese humanitäre Krise an Griechenland und gewisse EU-Mitgliedsländer erteilt hat, doch ab dem Augenblick, wenn diese Gelder überwiesen werden braucht es immer noch eine Menge Zeit, bis wir als Kommune sie erhalten. Aber ich denke auch, dass es eine andauernde Propaganda von anderen Mitgliedsstaaten gibt, von Balkanländern, die wollen, dass die Welt ein falsches Bild von uns erhält, indem behauptet wird, wir hätten Gelder der EU für diese Krise erhalten. Das ist nicht wahr, wir haben bis zum heutigen Tag keinerlei EU-Gelder erhalten. Ein sehr gutes Beispiel, dass ich Ihnen nennen kann, ist folgendes: wenn sich Flüchtlinge auf den Weg machen, um die Ägäis von der Türkei aus zu überqueren, erzählen ihnen die Schlepper und andere Quellen, dass wir von der Europäischen Union finanziert werden, um sie hier bei uns unterzubringen. Das ist der Grund, weshalb sie nach Lesbos kommen wollen. Natürlich entspricht das alles nicht der Wahrheit.

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Kommentar

  1. Ich will ja nicht pöpeln , aber wieder und wieder und wieder und wieder haben sich tausende im Nachhinein als gestellt und / oder manipuliert und / oder geklaut aus anderen Berichten und Sachverhalt, rsusgestellt.
    Der Umgang mit der in Deutschland lebenden gesetzestreuen Bevölkerung durch Gabriel und Merkel belegen diese Art und Weise der Meinungsmacher zusätzlich mit nachdruck.
    ……und nein, wir sind keine nazis und wir haben „1a“-Führungszeugnisse ….und nein (!) …..wir erarbeiten unseren Lebensunterhalt selbst.
    Nur so vorne weg !.