in Europa

(Teil 1 des Interviews) Tourismus ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsektor für die Insel Lesbos und die Menschen hier. Wie waren die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf den Tourismus und gibt es Ihrerseits eine Einschätzung für die Saison 2016?

Ich habe Mühe damit, die finanziellen Kosten und Verwaltung dieser humanitären Krise auf die gleiche Waagschale mit Menschenleben zu setzen, das ist sehr schwierig. Natürlich haben wir einen Rückgang von Buchungen in dieser Tourismussaison erfahren. Doch angesichts der Umstände waren sie nicht so schwerwiegend. Die befürchteten Auswirkungen auf den Tourismus dieses Jahr trafen nicht ein. Aber wir fürchten uns sehr wegen der nächsten Tourismussaison.

Wir versuchen von dem Image loszukommen, welches mit Lesbos in Verbindung gebracht wird: das Lesbos der Krise, das Lesbos der Flüchtlinge, das Lesbos der Migranten. Wir möchten wieder ein Image von Lesbos haben das sicher ist, von unzähligen natürlichen Schönheiten, schöner Landschaft, das die Touristen wieder anziehen soll.

In deutschen Medien gab es Berichte über volle Leichenhallen hier. Es wurde groß aufgebauscht und führte zu einem Aufschrei. Aber es gab auch Berichte die besagten, dass das alles ein bisschen zu übertrieben dargestellt wird. Können Sie mir dazu mehr erzählen?

Ich bin erstaunt, dass es in deutschen Medien so breitgetragen wurde. Wir konnten nicht ahnen, dass wir für die Auswirkungen eines anhaltenden Verbrechens vorbereitet sein müssen. In der Türkei findet jeden Tag ein Verbrechen statt, das zwar von der internationalen Gemeinschaft und der türkischen Regierung angegangen wird, aber dieses Verbrechen muss sofort aufhören! Die Schmuggler stellen die Flüchtlinge in gefährliche Boote, und das war der Hauptgrund, weshalb unsere Leichenhalle voll war und wir einen neuen Friedhof für die Flüchtlinge finden mussten. Wir wussten nicht, dass wir manchmal die Gesetze brechen mussten, um diese Krise überhaupt verwalten zu können.

Der Aufschrei (in Deutschland, Anm.) sollte nicht dem Gesetzesbruch oder uns gelten, weil wir etwas unternommen haben, sondern der Aufschrei sollte der internationalen Gemeinschaft gelten, weil sie nicht gegen die Türkei eingreift um dieses Verbrechen und die Schmuggler zu stoppen. Ich glaube es ist nicht gerecht uns zu verurteilen weil wir es anfänglich nicht geschafft haben Platz in der lokalen Leichenhalle oder Friedhof zu finden. Es ist nicht richtig uns zu verurteilen und nichts gegen das Verbrechen zu unternehmen das in der Türkei stattfindet. Das weitere Absurde daran ist, dass wir den Aufschrei abbekommen, obwohl wir allein dieses Jahr 450`000 Flüchtlinge untergebracht haben, dass dieser Aufschrei von Nationalstaaten kommt die dieses Jahr nur 2000-3000 Flüchtlinge aufgenommen haben.

Es ist wirklich absurd die Menschen auf Lesbos und die Insel selbst zu verurteilen, eine kleine Insel die nichts weiter als ein Punkt auf der Landkarte ist, obwohl sie die Flüchtlingskrise in so einer humanen Art und Weise gemeistert haben. Großbritannien hat, glaube ich, dieses Jahr nur 20`000 Flüchtlinge akzeptiert und wir bekommen den Aufschrei ab. Das ist absurd…

Die Türkei ist Ihr großer und sehr naher Nachbar hier. Wie war die grundsätzliche Beziehung zwischen Lesbos und der Türkei bis zum Ausbruch dieser Flüchtlingskrise?

Wir haben hatten eine ausgezeichnete Beziehung vor der Krise und wir haben sie auch jetzt noch. Ich und meine türkischen Kollegen, die türkischen Bürgermeister, stehen in sehr engem Kontakt und versuchen Wege zu finden, diese Kooperation auf viele andere Angelegenheiten auszudehnen. Natürlich gibt es diese Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und der türkischen Regierung bis zum heutigen Tag, aber sofern es uns auf der lokalen Kommunalebene betrifft, wir haben wirklich eine ausgezeichnete Beziehung.

Wenn Sie in so engem Kontakt zu Ihren türkischen Kollegen stehen, was sagen sie Ihnen warum sie nicht in der Lage sind diese Schmuggler zu stoppen?

Die türkischen Bürgermeister erklären, dass sie kein Mandat (von der türkischen Regierung, Anm.) erhalten haben um gegen die Schmuggler vorzugehen und sie zu stoppen. Und ich persönlich denke, dass die türkische Regierung hier intervenieren müsste um die Netzwerke der Schmuggler zu zerschlagen. Und was ich auch nicht verstehen kann ist der Zeitrahmen der Verhandlungen (der EU, Anm.) mit der Türkei. Es ist doch eine Sache über den Beitritt (zur EU, Anm.) zu verhandeln und was ganz anderes über den Stopp eines Verbrechens zu verhandeln. Das ist etwas nicht verhandelbares und es ist eine moralische Verpflichtung jeder einzelnen Regierung dieses anhaltende Verbrechen in diesen Gewässern zu stoppen.

Ich habe mit NGO`s auf Lesbos über die Auswirkung der drei Milliarden Euro Zahlung an die Türkei gesprochen und ob diese Zahlung dazu beigetragen hat, dass weniger Flüchtlinge hier ankommen. Sie meinten, es habe einen Rückgang der Zahlen in den ersten Tagen gegeben, sie aber danach wieder zu deutlich angestiegen sind. Können Sie das so bestätigen?

Ich denke schon, dass das was die NGO`s Ihnen gesagt haben richtig ist. Aber es gibt da einen weiteren Faktor der zum Rückgang dieser Zahlen geführt hat. Es ist nicht mehr Sommer, es ist Winter und das Wetter ist nicht besonders gut. Deshalb müssen wir die Anzahl von ankommenden Flüchtlingen mit den Zahlen vom selben Zeitraum aus dem letzten Jahr vergleichen, und da lagen wir bei Null Ankömmlingen.

Deshalb glaube ich nicht, dass das etwas mit Aktionen der türkischen Regierung zu tun hat, nachdem sie die drei Milliarden Euro erhalten haben. Ein weiterer Unterschied zu den Ankünften der letzten Monaten ist die gerade frisch bestätigte Tatsache, dass wir viele Flüchtlinge aus Marokko und Algerien registrieren. Das ist etwas worauf wir achten müssen.

Meinem Verständnis nach ist diese ganze Flüchtlingskrise, und bin mir nicht einmal mehr sicher ob es der geeignete Begriff ist um dieses Phänomen zu bezeichnen, höchst professionell organisiert, um diese ganzen Menschenströme aus ihren Ländern nach Europa zu lotsen. Wenn Sie sagen, dass sogar Menschen aus Marokko und Algerien ankommen, ich meine wenn man auf die Karte schaut dann wäre doch der normale Weg für sie es über Spanien zu versuchen um nach Europa zu gelangen, und nicht so eine riesige und gefährliche Reise bis hierher zu unternehmen.

Es ist eine sehr gut organisierte Unternehmung und mit ungeheurem Profit dahinter.

Es gab Berichte von einem Zwischenfall am Sonntag (13.12.15, Anm.) zwischen einem russischen Kriegsschiff und einem türkischen Schiff in der Ägäis. Türkische und russische Quellen aus Syrien sprechen von einer Verschlechterung der Sicherheitslage und möglicher Destabilisierung der Ägäis. Wie sehen Sie das?

Ich würde gerne daran glauben, dass daraus keine Implikationen für die Sicherheit der Ägäis erwachsen und dass sie irgendwie ihre Differenzen beilegen werden. Wir können dahingehend nichts anderes tun als beten.

Es gibt also keine Notfallpläne in diese Richtung?

„Lacht“: Nein. Wir erleben eine friedliche Invasion von Besuchern, Flüchtlingen und Migranten, und nichts mehr. Wir möchten bestmögliche Beziehungen zu jedem Nationalstaat auf der Welt unterhalten. Worauf wir uns vorbereiten ist die Unterbringung von Flüchtlingen, Migranten und Menschen die leiden. Und das ist auch der Grund weshalb die Menschen von Lesbos durch eine Internetabstimmung dieses Jahr für den Nobelpreis nominiert wurden.

Meine letzte Frage die ich immer wieder gerne stelle: Was würden Sie gerne, wenn Sie könnten, der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel sagen?

Ich würde gerne sagen, dass wir eine Menge gemeinsame Interessen haben was die Flüchtlingskrise betrifft. Wir sind der Eingangspunkt für Flüchtlinge und Deutschland ist die Enddestination für viele Flüchtlinge, deshalb würde es mich freuen zu sehen, dass Angela Merkel eine entsprechende Strategie implementiert. Eine Strategie die unserem Managementvorschlag für die Flüchtlingskrise ähnelt die ich Ihnen übergeben werde. Und ich hoffe, dass wir durch die Verwaltung dieser Krise das Zutrauen und Vertrauen der deutschen Regierung für die Wirtschaftskrise gewinnen können, weil wir es mit zwei gleichzeitigen Krisen zu tun haben. Deshalb hoffe ich, dass wir durch unsere Krisenbewältigung in der Flüchtlingsfrage Unterstützung und Vertrauen der deutschen Regierung für die Wirtschaftskrise erhalten können.

Herr Galinos, herzlichen Dank für dieses Interview und frohe Weihnachten für Sie alle.

Zu Teil 1 des Interviews

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Hr. Percinic stellt eh die richtige Frage: wer organisiert das? Dass Soros und seine NGOs die Hand im Spiel haben, ist eh kein Geheimnis mehr.
    Die Rolle des UNHCR wäre da auch mal abzuklopfen, die angeblich kein Geld für die Flüchtlingslager vor Ort haben, aber auf der Balkanroute Verpflegung und Transporte stellen sollen.
    Hier in der Nähe wurden auch Flüchtlinge untergebracht, ich habe mit etlichen im Supermarkt geplaudert, sie wollen nach Hause. Kalt isses hier, dauernd Nebel, das Essen schmeckt nicht, es gibt kein eigenes Haus und keine Arbeit. Die wurden mit völlig falschen Versprechungen hergelockt, angeblich im arabischen TV, dass sie hier dringend erwartet würden, wegen Kindermangel viele Häuser leer seien die vergeben würden.

    • Die Leute sind schwerst geleimt worden, und wir genauso. Diejenigen die hier am Land untergebracht sind scheinen mir mehr verzagt und vollkommen planlos, die Pakistani wissen nicht mal so recht, wo sie überhaupt sind, einfache Menschen mit Arbeiterhänden – wie kommen die nach Österreich, was sie nicht mal auf der Karte finden? Wer hat ihnen die Reise finanziert?
      Viele Fragen, die auf eine Antwort warten.

  2. Der Kapitalismus steckt in der Krise und wird nun mit allen despotischen Mitteln aufrecht erhalten. Nazi-Blätter wie der Spiegel, Bild, ARD und was es sonst so gibt, deklarieren die menschenverachtenden und räuberischen Machenschaften des Politikergesocks einfach um zu einem neuen deutschen Wirtschaftswunder. Auf die Profiteure wird der Blick gerichtet, abgewendet von den Deutschen oder Griechen. Die haben damit sogar Recht, wie die Sklaverei in den Arbeitslagern der IG Farben beweist, oder die Waffenproduktion. Menschenhandel, Menschenschlepperei, Krieg – das ist profitabel.