in Europa

Lesbos kannte man bis Mitte 2015 als eine kleine griechische Touristeninsel in der Ägäis, an manchen Stellen keine 10 Kilometer vom türkischen Festland entfernt. Die Urlaubsdestination Lesbos wurde aufgrund des eher ruhigeren Nachtlebens insbesondere von Familien geschätzt, die aus ganz Europa jeweils vom Frühling bis zum späten Herbst zu Besuch weilten.

Besucher wie Einheimische liebten diese Insel, die der Oberbürgermeister Spyros Galinos selbst als „Punkt auf der Landkarte“ bezeichnete, gerade weil das Leben hier ein angenehm gemächliches Tempo aufwies.

Für viele Touristen wurde die gewünschte Idylle im Sommer 2015 plötzlich gestört, als statt die bekannten Touristenboote und riesige Meeresdampfer tausende Menschen auf Schlauchbooten und allerlei anderen mehr oder weniger reisetauglichen Booten an den Stränden im Norden der Insel an Land gingen. Sehr viele Touristen zeigten sich schockiert über das Ausmass einer, in ihren Augen plötzlichen, Flüchtlingskrise und verbrachten ihre Urlaubstage mit Hilfeleistungen. Es gab aber auch die andere Seite, und nicht zu wenige davon, die sich angewidert zeigten ob den überlaufenen Stränden von Menschen, die so ganz und gar nicht dem Bild entsprechen wollten welches man auf Lesbos erwartet hat.

Mitte Juni schliesst Griechenland die Landgrenze zur Türkei für Flüchtlinge, die bis dahin von den ihnen genutzt wurde um nach Europa zu gelangen. So blieb nur noch der Weg über das Meer übrig um auf eine der griechischen Inseln zu gelangen. Unklar ist, weshalb die griechische Regierung die Landgrenze für Flüchtlinge geschlossen hat, wenn sie sie später dann doch wieder auf eigenem Staatsgebiet hat nachdem sie über das Meer gekommen sind.

So ist die Insel Lesbos im Jahr 2015 für 450`000 Flüchtlinge und Migranten aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt zum Tor nach Europa geworden. Der Grossteil von ihnen hat diese Meerenge oben auf dem Bild (ca. 7 Kilometer) zwischen der Türkei und Lesbos auf Schlauchbooten überquert. Eine Überfahrt von etwa zwei Stunden, die für 50 Menschen die bei Tagesanbruch von ihren Schleppern für durchschnittlich 1200 US-Dollar auf die Reise geschickt werden.

Zwei Stunden voller Angst, da die wenigsten von ihnen schwimmen können. Zwar haben ausser den Säuglingen alle Personen Rettungswesten an die sie für teures Geld auf türkischen Märkten gekauft haben, doch niemand kontrolliert ob sie korrekt angezogen sind oder ob es im Ernstfall überhaupt den Zweck erfüllen wird.

Rettungsweste gefunden am Strand von Lesbos

Organisationen wie deutsche Sea Watch oder die spanische PROACTIVA, die vor Ort wertvolle Arbeit leisten indem sie die Küste mit eigenen Schnellbooten patrouillieren und die Gummiboote entweder an Land zu den Auffangsstationen lotsen oder im Notfall Rettungsmassnahmen einleiten, bestätigten mir das sie viele Rettungswesten gefunden haben die nicht für den eigentlichen Zweck tauglich waren. Ein Aktivist auf der Insel Kos gab sogar an, dass Flüchtlingen im türkischen Bodrum „fake“ Rettungswesten verkauft werden.

Diese Tatsache von, nennen wir es vorsichtshalber qualitativ fragwürdigen Rettungswesten, und natürlich die Überfüllung der Schlauchboote, sowie der Umstand das viele Flüchtlinge nicht schwimmen können, sorgte dafür, dass in dem halben Jahr mehr als 800 Menschen ihr Leben auf dieser Route verloren haben. Weltweit gesehen bezahlten im Jahr 2015 nur im östlichen Mittelmeer 21% der sich auf der Flucht nach einem besseren Leben befindlichen Menschen mit dem Leben.

Ein freiwilliger Helfer der deutschen Organisation Sea Watch beschrieb die Situation ziemlich trefflich:

„Es ist wie früher mit den Burgen. Europa ist eine Burg die die Brücken hochzieht. Wer es schafft auf die Brücke zu springen und sich festhalten kann, hat Glück gehabt. Wer nicht, der fällt in den Burggraben.“

Um bei dieser Metapher zu bleiben: genau dieses Glück und Freude liest man in den Gesichtern der Menschen die nach der gefährlichen Überfahrt endlich wieder Boden unter den Füssen haben, europäischen Boden!

Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern aus Afghanistan

Was viele der Menschen machen wenn sie wieder festen Boden unter den Füssen haben, ist ihre Angehörigen die in den Heimatländern zurückgeblieben sind anzurufen. Sie danken Gott das sie es geschafft haben und trösten die Mutter, den Vater oder die Grosseltern am anderen Ende der Leitung, die sich tagtäglich bange fragen ob es ihre Kinder und Enkeln schaffen werden.

Die Helfer von Ärzte ohne Grenzen, Bootvluchteling, SCM Medical Mission, IRS, und viele andere verteilen den Menschen Wasser und erklären ihnen, wohin sie nun gehen müssen. Während die Polizei keine 200 Meter entfernt dem Schauspiel zusieht und auch auf dem Meer ein türkisches Marineschiff die Flüchtlinge auf dem Meer gesehen hat, griff doch niemand ein oder leistete irgendeine Art von Hilfe. Die komplette Logistik wird von Hilfsorganisationen geleistet.

Auf meine Frage hin ob sie denn keine Hilfe von der örtlichen Polizei erhalten, wollte mir eine niederländische Studentin nicht antworten. Sie meinte nur, dass die Polizei darauf aufpasst das niemand von den Helfern hier die Flüchtlinge im Auto mitnimmt, was unter strenger Strafe steht. Dennoch scheint es aber so etwas wie ein ungeschriebenes Abkommen zu geben: Alte, Kranke, Frauen und Kinder dürfen in den Autos der Hilfsorganisationen vom Strand mitgenommen werden um sie zur ersten „Sammelstelle“ zu bringen die über einen sandigen und steilen Weg etwa zwei Kilometer entfernt ist. Alle anderen müssen erst einmal wieder weiter zu Fuss.

Sie befinden sich auf einer Reise, deren wirkliches Ziel sie nicht kennen. Deutschland, Niederlande, Belgien, Frankreich, Schweden. Das sind Wunschziele. Aber ob sie wirklich so weit kommen und ob der grundlegende Wunsch nach einem besseren Leben in Erfüllung gehen wird, das kann niemand beantworten. Das sind die Gedanken die mich auf diesen zwei Kilometer beschäftigt haben und ich mich gefragt habe, ob diejenigen die mir freundlich zuwinken oder mich finster anblicken, auch solche Gedanken hegen. Ich weiss es nicht.
An der „Sammelstelle“ angelangt, erhalten die Menschen etwas Verpflegung und Wasser. Es gibt sogar einen ärztlichen Dienst der sich in einem Restaurant eingerichtet hat, um medizinische Hilfe leisten zu können wo es nötig ist. Hier erhalten die Flüchtlinge und Migranten auch das erste Mal einen kleinen Vorgeschmack der europäischen Bürokratie (notwendigen!), wo das Recht des Stärkeren nicht mehr gilt. Die Hilfsorganisationen verteilen je nach Ankunft an der Sammelstelle nach Farben getrennte Zettelchen, die immer in 50-iger Schritten verteilt werden um den Zugang zum Bus zu regeln.

Das Flüchtlingscamp OXY, das etwa 7 Kilometer entfernt ist, ist eigentlich das erste Ziel für sie. Von dort aus werden sie dann in die Registrierungskamps von Kara Tepe und Moria gebracht, wo sie sozusagen den legalen Flüchtlingsstatut erhalten um ihre Reise offiziell in Griechenland fortsetzen zu können.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Warum läßt die griechische Regierung diese illegale Einwanderung zu ?
    Es gibt keinen gesetzlichen Grund , die aus der Türkei übersetzenden Menschen unter dem Aspekt der Genfer Flüchtlingskonvention zu behanden .

    Die überwiegende Mehrheit kommt aus wirtschaftlichen Gründen . Es ist unverantwortlich , wenn Männer und Frauen das Leben ihrer Kinder riskieren , um ihren materiellen Status aufzubessern .
    Immer wieder ertrinken auch Kinder beim Versuch der illegalen Einreise der Eltern .
    Mitverantwortlich für die vielen Toten sind die europäischen Politiker , die Menschen in aller Welt erst motivieren , diese gefährliche Reise zu beginnen .

  2. Den Artikel hätte ich auch selbst schreiben können, den Inhalt kennen wir in- u. auswendig.
    Zlatko, was mich echt nervt ist dieser Jammerton, der in fast jeder Zeile mitschwingt. Auf was genau willst du uns hier einstimmen ?
    Ich hab dir schon bei deinem letzten Artikel mit vielen Kommentaren zu überdurschnittlich hohem Verdienst verholfen, dieser eignet sich nicht dazu !
    Schreib doch mal einen Artikel über euer Frauenbild oder über die häusliche Gewalt in islamischen Familien oder wie Muslime zum GG stehen oder über die Integration der Muslime in Deutschland oder wie Muslime die Deutschen finden – und diskutiere mit, das wär‘ mal was !

    • Liebe Mona Lisa, normalerweise sollte ein Autor hier bei NP nicht seine eigenen Artikel kommentieren, um so die Anzahl an Antworten zu manipulieren. Ich denke aber das mir NP nicht böse wenn ich diese Regel für einmal breche und Deiner Bitte – nachdem Du ja offensichtlich regelrecht auf eine Antwort wartest – nachkomme.
      Nun ich bin weder Moslem um über „unser“ Frauenbild zu berichten, noch will ich irgendjemanden hier oder anderswo auf etwas „einstimmen“.
      Wie Du als treue NP-Leserin (danke dafür) sicher mitbekommen hast, war ich auf Lesbos um Fakten, Kontakte und Gespräche zu sammeln. Dieser Artikel ist nur eine Facette von vielen und gehört genauso dazu. Was Du als „Jammerton“ bezeichnest, entspricht nichtsdestrotrotz der…

      • Lieber Autor und Alle Leser,
        ich kann hier leider gar nicht so klein schreiben wie ich mich fühle und bin untröstlich gestehen zu müssen, dass ausgerechnet mir, die immer so großen Wert darauf legt, dass unbescholtene Autoren nicht verunglimpft werden ein UNGLAUBLICHER FAUXPAS unterlaufen ist – ich habe Herrn Percinic mit einem… anderen …hust … ähm…Autoren…schluck…. verwechselt ! :(:(:(
        Herr Percinic, ich bitte vielmals um Entschuldigung !!!
        Es soll nicht wieder vorkommen und es tut mir wirklich furchtbar leid, dass ausgerechnet Sie mein Opfer wurden.
        Ich glaube ich sollte mal damit anfangen mir Notizen zu machen oder einfach mal ’ne Pause einlegen.
        Nochmal SORRY und gute Nacht ! … räusper

    • Realität wie sie fast eine halbe Million Menschen letztes Jahr erfahren haben, die genau diesen Weg gegangen sind. Der Zweck dieses Artikels war genau das: eine Momentaufnahme bei der Ankunft dieser Menschen in Europa, ohne jegliche politische Wertung. Da aber diese Momente weder Glücksgefühle auslösen noch in irgendeiner Art und Weise lustig sind, sondern absolut tragisch sind (und das für alle Seiten des politischen Spektrums in Deutschland), kann auch die Beschreibung dieser Momente nicht in einem positiveren „Ton“ erfolgen. Von daher werte ich Deinen „Jammerton“ als Kompliment.
      Aber ich glaube ich kann Dich trösten. Der nächste und letzte Teil dieser Reise wird vermutlich eher Deinem Gusto entsprechen. Und das ganz ohne…

      • JAAAAAA Schande über mich !!!
        Ihre Häme ist berechtigt !!!
        Ich bitte zur Strafe um viele, viele, viele rote Klicks !!!

  3. Selbstverständlich ist die am Beispiel der Insel Lesbos beschriebene Entwicklung überaus tragisch, doch eine Lösung kann nicht darin bestehen, die Herkunftsländer zu entvölkern, ihrer Eliten zu berauben und das übervölkerte und von Staatsverschuldung und Massenarbeitslosigkeit bedrängte Europa gegen den Willen seiner Mehrheitsbevölkerung in eine multiethnische Gesellschaft zu verwandeln, mit der perfiden Behauptung, dies sei unvermeidlich für den Globalisierungsprozess..Multiethnische Gesellschaften funktionieren nur dort, wo es ausreichend Ressourcen für alle gibt und das ist in Europa nicht der Fall. Warum wird so wenig von den Entwicklungspotentialen der Herkunftsländer gesprochen oder sind diese nur noch Verfügungsmasse von USA und EU?