in Wirtschaft

Russische Unternehmer die mit westlichen Unternehmen zusammen arbeiten, bemerken etwa seit dem letzten Frühjahr eine qualitative Veränderung in der Motivation deren Vertreter.

Von Von Michail Deljagin – Anstelle der bisherigen „Beamten im internationalen Geschäft“, den bewährten, systemisch-handelnden, zwar detailliert, aber jedoch oft wegen der korporativen Verfahren zu weitläufig, hin und wieder irrlaufend denkenden, kommen mittlerweile energische und relativ junge Leute, die gezielt ausschließlich auf Profit um jeden Preis und in jeder Weise orientiert sind.

Sie interessieren sich nicht für langfristige Perspektiven und Konsequenzen; sie kümmern sich nicht um das „Gesamtbild“ und um die Meinung der einen oder anderen Gesellschaft. Sie zielen allein auf das schnelle, profitable Ergebnis, verstehen es sehr eng und konkret: Die Rentabilität der von ihnen ausgeübten Tätigkeit.

Alles andere existiert für sie einfach nicht. Viele von uns waren in den 90ern genauso.

Sie befolgen die Gesetze und unternehmensinterne Vorschriften, aber für sie ist das nicht der natürliche Lebensraum, wie für die vergangenen Generationen von Managern, sondern nur eine Art „Sicherheitsbarriere“, die sie von der strafrechtlichen Verfolgung trennt.

Sie legen den Fokus auf die Lösung von einfachen und nahestehenden Aufgaben, praktizieren eine komplette Loslösung von allem Anderen, einschließlich vom scheinbar Wichtigsten für die Generationen von Managern zuvor, den strategischen „Perspektiven“, beschleunigen dadurch jedoch ihr Handeln.

Deshalb nennen die Beobachter des rasanten Anstiegs dieser Typen von Managern sie „Die schnellen Leute“. Oft besiegen sie ihre Konkurrenten gerade wegen der unvergleichlich größeren Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung und Umsetzung von Entscheidungen und wesentlich breiteren Kreise an operativen Kontakten: Diese „schnellen Leute“ denken und handeln nicht nur schneller, sondern auch globaler.

Vielleicht ist ihr Aufstieg mit einer natürlichen Neuerung verbunden: die Informationsrevolution geht weiter und verändert alle Schichten der Gesellschaft und die Generation der sozialen Netzwerke gelangt in Schlüsselpositionen.

In Europa wird dieser Prozess verstärkt durch die Expansion der amerikanischen Wirtschaft. Die größten europäischen Konzerne gelangen in regelmäßigen Abständen in die Mühlsteine der amerikanischen Justiz und sind, wie die Deutsche Bank, Credit Suisse Group, Credit Agricole und Volkswagen gezwungen, riesige Strafen an die USA zu zahlen (nur als Bestätigung der Loyalität und um den Zugriff auf den US-Markt zu behalten). Die großen und mittleren geraten oft unter amerikanische Kontrolle.

Diese Kontrolle wird bei weitem nicht immer zu einer direkten Übertragung des Eigentums; Häufig bleiben die Eigentümer formal die gleichen, nur die Leitenden, die für die wichtige Entscheidungen und die über deren Vollzug verantwortlich sind, sind plötzlich die Amerikaner. Den Vorgängern wird im besten Fall erlaubt zu bleiben, aber nur auf den repräsentativen Posten und sie verfügen nicht mehr über realen Einfluss.

Soweit man das beurteilen kann werden Europäische Unternehmen, die von Interesse für die amerikanischen „Partner“ sind, plötzlich mit gut organisierten Schwierigkeiten konfrontiert (im Zusammenhang mit der Einschränkung des Zugangs auf dem amerikanischen Markt oder mit dem Rückgang der Aktienkurse). Wenn diese Schwierigkeiten reale Bedrohungen der Existenz von Unternehmen bewirken, dann übernehmen die amerikanischen Partner sie für „wenig Geld“ stellen sie unter ihrer Kontrolle — und die Probleme sind auf geradezu magische Weise verschwunden! Und die Hintermänner bekommen eine weitere Chance wegen der offensichtlichen Überlegenheit amerikanischen Managements über das europäische zu spekulieren.

Dann stellen auf den nächsten routinemäßigen Verhandlungen oder Business-Konferenzen den niedergeschlagenen europäischen (einstigen) Top-Managern, von denen jetzt nichts mehr abhängig ist, ihre langjährigen Geschäftspartner die neuen, amerikanischen Bosse, die „schnellen Leuten“ vor.

Die Aufstieg der neuen Generation von Führungskräften wird die Welt verändern und das ziemlich schnell. Business entwickelte sich traditionell im Inneren der Staaten und gewöhnlich wird, geradezu als etwas Selbstverständliches, sein Funktionieren durch öffentliche Gelder vom Staat (einschließlich, natürlich, von Unternehmern selbst gezahlten Steuern) unterstützt.

Doch vor einem Vierteljahrhundert, seit dem Beginn der Globalisierung, stieg das Business aus dem Rahmen der Staaten heraus in die weite Welt, wurde stärker als die einzelnen Staaten, und unterwarf sie sich für seine Interessen. Schlussendlich gibt es einfach niemanden, der seine Interessen unterstützen konnte und sogar Amerika, wie unsere Emigranten noch in den 1990er Jahren sagten, hat sich „abgenutzt“. Das Problem ist halbwegs gelöst durch den Anstieg der Kosten der Gesellschaft für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur und auch die Umwandlung ihrer Glieder in neue „Profit-Centren“ für die Unternehmen (das erhöht die Belastung der Bevölkerung). Der Aufstieg der „schnellen Leuten“ ist in der Lage, die Situation dramatisch weiter zu verschlechtern.

Weil sie kein Interesse an irgendetwas, außer eng verstandenen kommerziellen Zielen haben, reduzieren sie die Erhaltung und Entwicklung der traditionellen, sehr kapitalintensiven Infrastruktur noch mehr und sie verkommt in einem zunehmenden Tempo.

Aber abgesehen von der materiellen Infrastruktur — Straßen, Energieversorgung, Wasserbau und sonstige Bauten —spielt auch die rechtliche Infrastruktur eine große Rolle:

Das sind also Gesetze, Werkzeuge sie zu pflegen Normen, Regeln und Bräuche. Eine ausschließlich effektive Konzentration auf die Erreichung aktueller Gewinn-Ziele um jeden Preis, was für die „schnellen Leute“ charakteristisch ist, zerstört auch sie (ähnlich der Außenpolitik der USA, die das Völkerrecht zerstört).

Dies scheint eine der Erscheinungsformen der wichtigen Widersprüche des modernen Zeitalters zu sein — die Dominanz von privaten kommerziellen Interessen über die öffentlichen, die Dominanz der Wirtschaft über die (Gesellschafts-)Politik.

Die Aufstieg der „schnellen Leute“ an die Spitze des internationalen Geschäfts in den nächsten Jahren selbst wird, neben anderen Trends der globalen Entwicklung, das traditionelle wirtschaftliche Umfeld untergraben und teilweise zerstören, die unternehmerischen Risiken erhöhen und macht die Entwicklung noch weniger vorhersehbar, als sie es jetzt ist.

Für Russland bedeutet das vor allem eine Verschärfung des internationalen Wettbewerbs.

Das Hauptproblem besteht in der Zerstörung der  üblichen traditionellen kommerziellen, diplomatischen, kulturellen und auch geistigen Tätigkeiten durch die „schnellen Leute“, wozu weder der russische Staat noch die russische Gesellschaft bereit sind. Wir reagieren genauso wenig auf die Zerstörung der üblichen internationalen und sozialen Umwelt wie auf die Verletzung der für uns natürlichen Gesetze, Normen und Regeln und es ist uns nicht bewusst, dass hier um die Schaffung eines „neuen Normalzustandes“ geht, brutaler und unmenschlicher, als jemals zuvor.

Russland widersetzt sich bisher lediglich spontan, nur zu gegebenen Anlässen und deshalb ineffizient. Unsere Aufgabe ist es jedoch, prinzipiell und strukturiert die Energie und Effizienz dieser „schnellen Leute“ mit den Bemühungen der Gesellschaft für die Schaffung und Erhaltung einer sozialen Infrastruktur zusammenzuführen und deren Tätigkeit nur zu unterstützen, wenn es dem ganzen Volk zugutekommt.

Quelle: aurora.network – Übersetzung: fit4Russland

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Kommentar

  1. Der Beitrag zeigt aus russischer Sicht den Niedergang der westlichen Kultur , einer Kultur die die Komplexität und Vielfalt der Menschen und Kulturen zu schätzen wußte und den Menschen ins Zentrum der Betrachtung stellte .
    Das neue Menschenbild ist das das des Humankapitals , der Mensch auf seinen Beitrag zum Gewinn des Kapitals reduziert . Wenn es noch anderes als Arbeit gibt, z.B. Freizeit und Spass , so dient dies nicht dem Leben, in dem Freude und Muße eine große Rolle spielen , sondern dem Zweck der Motivation zur Leistungssteigerung .
    War die Modernisierung angetreten um den Menschen das Leben zu erleichtern und das Leben von Arbeit zu befreien ,
    ….

    • …… sind wir heute bei optimierter Automatisierung an einem Punkt, an dem Überleben nur durch mehr und mehr Arbeit möglich ist .

  2. Immer schon gab es Zeitgenossen, die sich durch Skrupellosigkeit von ihren Mitmenschen unterschieden, sei es bei legaler oder halblegaler Geschäftstätigkeit oder sei es im kriminellen Milieu. Der Unterschied nur zu heute: Damals wurden sie verachtet und wo möglich gemieden und verfolgt – heute dienen sie als Vorbild. Der Held in den Medien, in der Unterhaltungskultur und das Ziel in der Ausbildung ist allein auf das monetäre Ergebnis bezogen. Der Weg dorthin interessiert mangels Marktwert nicht mehr. Der Niedergang einer solchen Gesellschaft ohne Ethik vollzieht sich zwangsläufig.

  3. Die engstirnige Orientierung auf den Profit in der amerikanisch geprägten Wirtschaft ist nicht wirklich neu. Hire and fire, Rechtlosigkeit der Mitarbeiter, Privatisierung öffentlicher Aufgaben bis zum Betrieb der Gefängnisse, public-private partnership und Rückzug des Staates aus der monetären Kontrolle haben sich alle Jahre weiter entwickelt. Der Grund ist die fehlende Beachtung des Allgemeinwohls und der Verzicht der Politik, sich für die Interessen der Bürger einzusetzen. Es sieht so aus, als ob wir diesen Krieg nicht mehr gewinnen können.

  4. Mich würde interessieren, wie und mit welchen Mitteln sich Russland bei gleichzeitiger ( angeblicher ) Westangleichung dem zu entziehen gedenkt.
    Oder ist das Thema ( wie bald alle Themen hier ) nur deshalb gewählt um einen zarten Richtungsweis zu geben, der Westen sollte sich doch eher, besser und lieber an Russland orientieren ?
    Nachtigall, ick hör dir ja schon länger trappsen, aber Du solltest dir so langsam mal Trittschallsocken kaufen – Du machst einen Höllenlärm !