Von Michelle Tolson

Ulan Bator, 3. Dezember (IPS) – Die Oyu-Tolgoi-Kupfermine, die im kommenden Jahr im Süden der Gobi-Wüste in der Mongolei vollständig in Betrieb genommen werden soll, ist zum Symbol für eine schwelende Krise geworden. Da die begrenzten Wasserreserven möglicherweise binnen eines Jahrzehnts aufgebraucht sein werden, sind die Einwohner der Region in ihrer Existenz bedroht.

Foto: Mongolischer Reiter / Al Jazeera English

Oyu Tolgoi, wo eines der größten Kupfervorkommen der Welt lagert, hat über die Jahre zahlreiche Großinvestoren angezogen, von Robert Friedland von der ‘Ivanhoe Capital Corporation’ bis zu dem Bergbau-Giganten ‘Rio Tinto’, der inzwischen Mehrheitseigner der Mine in der Gobi-Wüste ist. Die mongolische Regierung hält nur 34 Prozent der Anteile.

Die im Umkreis des Bergwerks lebenden Menschen rechnen nun damit, dass den Betreibern von Oyu Tolgoi die Investitionsgewinne wichtiger sein werden als das Überleben der Anwohner. Sie sind besorgt darüber, dass die Industrieaktivitäten den akuten Wassermangel in dem Gebiet weiter verschärfen.

Die Weltbank hatte in einem 2010 veröffentlichten Bericht für die Wasserquellen in der Gobi-Wüste eine ‘Lebensspanne’ berechnet, die auf der Zahl der Bergbauprojekte basierte. Untersucht wurde außerdem das Wachstum der regionalen Bevölkerung, die vor allem von Viehzucht lebt.

Die dünn besiedelte Region besteht aus drei Provinzen (‘aimag’), die sich zusammengenommen über eine Fläche von 350.000 Quadratkilometern erstrecken. Dort werden etwa 3,8 Millionen Nutztiere gehalten: 120.000 Kamele, 260.000 Pferde, 100.000 Kühe sowie rund 3,4 Millionen Schafe und Ziegen. Diese Tiere verbrauchen täglich insgesamt etwa 31.600 Kubikmeter Wasser. Die etwa 150.000 Einwohner in Dörfern und Städten im Süden der Gobi-Wüste konsumieren schätzungsweise 10.000 Kubikmeter am Tag.

Rohstoffproduktion in Großteil der südlichen Gobi-Wüste

Subsistenzhirten sind gezwungen, die geringen Wasservorräte mit den zahlreichen Bergwerken zu teilen. 2009 stellte die Weltbank in einem Report fest, dass Minenbetreiber Lizenzen für den Abbau von Bodenschätzen auf 55 Prozent der Fläche der südlichen Gobi-Wüste haben. Allein in der Provinz Omongovi wurden demnach 63 Schürflizenzen und weitere 400 Sondierungsgenehmigungen erteilt.

Obwohl nicht alle Lizenzanträge genehmigt werden, verbraucht die Kupferförderung bereits so viel Wasser, dass die Bewohner des Gebietes berechtigten Grund zur Sorge haben. Die Weltbank fand 2010 heraus, dass Oyu Tolgoi in der Vorbereitungsphase täglich etwa 67.000 Kubikmeter Wasser und die staatliche mongolische Tavan-Tolgoi-Kohlenmine 76.000 Kubikmeter benötigten.

D. Enkhat, Direktor im Ministerium für Umwelt und ökologische Entwicklung, versicherte zwar, dass der Wasserverbrauch in Oyu Tolgoi streng kontrolliert werde und die zulässige Höchstgrenze von 870 Litern pro Sekunde in der Bauphase nicht übersteige. Fest steht aber, dass jede der Minen mehr als doppelt so viel Wasser verbraucht als alle Viehherden in der Region zusammen.

Ausgehend von der Zahl der Bergbauprojekte in der südlichen Gobi-Wüste rechnete die Weltbank aus, dass die bekannten Wasserressourcen nur noch zehn bis zwölf Jahre reichen, wenn nicht bald neue Quellen gefunden und erschlossen werden. Ein weiterer Ausweg bestünde darin, Wasser aus dem Orkhon-Fluss umzuleiten, der nach Ansicht von Experten eine ‘teilweise erneuerbare’ Quelle ist.

Das Umweltministerium hat klargestellt, dass die “Trinkwasserversorgung der lokalen Bevölkerung, der Hirten und der Bergarbeiter die höchste Priorität genießt”. Beobachter befürchten jedoch, dass die Minen mehr verbrauchen als alle drei Gruppen zusammengenommen.

Im Jahr 2003 entdeckten Manager von Oyu Tolgoi etwa 35 Kilometer von dem Bergwerk entfernt ein Salzwasseraquifer. Die Auftragsvergabe für den Bau einer Pipeline steht derzeit bevor. Nach Angaben von Mark Newby, der Oyu Tolgoi in Fragen der Wasserversorgung berät, haben die mongolischen Behörden der Mine die Erlaubnis erteilt, über einen Zeitraum von 40 Jahren lediglich 20 Prozent des Wassers zu nutzen. 80 Prozent des Aquifers blieben somit erhalten.

Es wird nicht damit gerechnet, dass die Salzwasserader Auswirkungen auf die zahlreichen flachen Brunnen der Hirten in der Wüste oder auf eine Süßwasserader hat, die die Einwohner der Stadt Khanbogd versorgt. Die Tavan Tolgoi-Mine hat im Gegensatz zu Oyu Tolgoi keinen Zugang zu dem Salzwasseraquifer und könnte daher zunächst Süßwasser, etwa aus dem Balgas-See, nutzen, aus dem auch die Hirten ihr Wasser schöpfen.

Lokale Behörden haben kein Mitspracherecht

Foto: Hüttenwerk in der Bergbaustadt Nalaikh unweit von Ulan Bator / Brücke-Osteuropa

Eine im Oktober in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator abgehaltene Konferenz über Bergbau und Menschenrechte gab Hirten, Nichtregierungsorganisationen und Vertretern lokaler Behörden aus der südlichen Gobi-Wüste die Möglichkeit, der zentralen Regierung ihre Bedenken vorzutragen.

Chondmani Dagva, der Gouverneur der Provinz Dungovi nördlich von Omnigovi, kritisierte, dass die Bergbaulizenzen zu schnell erteilt würden. Die lokalen Behörden hätten zu wenig Handhabe, die Bevölkerung zu schützen, da die Genehmigungen in der Hauptstadt bewilligt würden.

Sara Jackson von der York Universität im kanadischen Toronto, die derzeit die Auswirkungen des Oyu-Tolgoi-Projekts auf die Hirten untersucht, erklärte, dass die Bergbaufirmen den Hirten sagten, sie sollten die Zahl ihrer Tiere reduzieren. Dies hätte jedoch die Verarmung der Menschen zur Folge.

Hirten deuteten auf dem Treffen zudem an, dass sich der Gouverneur von den Unternehmen habe bestechen lassen. Politische Beobachter, die die Strukturen der mongolischen Behörden kennen, zeigten sich darüber nicht überrascht. 2011 hatte die unabhängige Organisation ‘Transparency International’ das zentralasiatische Land auf der Skala der korruptesten Staaten die Bewertung 2,7 von 10 gegeben. Damit nähert sich die Mongolei der Einstufung als “hoch korruptes” Land.

Die Bergwerke arbeiten allerdings so profitabel, dass die Bevölkerung mit ihren Einwänden kaum eine Chance hat. Allein Oyu Tolgoi könnte etwa 30 Prozent zu dem Bruttoinlandsprodukt der Mongolei beitragen, wenn die Mine 2013 voll in Betrieb gehen wird.

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