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Die Sommersonne scheint hell, es ist ein bisschen schwül auf den schmalen Straßen. Leute eilen, Autos rasen. Nur die Wolga fließt langsam und majestätisch durch eine größere Stadt, Stadt in russischer Provinz mit der vierhundert Jahre langen Geschichte – Saratov.

Wenn man zum ersten Mal in Saratov ankommt, beachtet man die Architektur. Mit ihren majaestätischen und diskreten, rationalen und schlichten, emotionalen und harmonischen Werken zeigt sich Architektur in Saratov als facettenreich. Kein Wunder, 135 Ethnien, die bisher in Saratov wohnen, bestimmten den Facettenreichtum. In der Stadt ist kein Gebäude zu finden, in dem nur ein bestimmter architektonischer Stil einer Nation verewigt wurde.

Kornspeicher als Symbol der Stadt

Das Konservatorium ist die dritte in Russland etablierte Musikhochschule von Saratov, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert,. Das vom Architekten Jagn erbaute Konservatorium wurde stakk kritisiert und jedoch mit einem Kornspeicher verglichen. Dann wurde das Gebäude vom Architekten Kallistratov umgebaut, der ihm die Züge der späten europäischen Gotik verlieh.
Das Konservatoriumsgebäude erlebte sehr viel: hier traten solche große Sänger als Sobinow und Schaljapin auf, hier wurde sowjetische Macht erklärt.

Am Tag ist das Konservatorium die Bildungseinrichtung für Musikstudierende, am Abend eröffnet es seine Pforten für zahlreiche Konzertbesucher. Das Orgelkonzert ist ein sehr wichtiges Ereignis im kulturellen Leben der Stadt. Doch den seltenen ausländischen Touristen erinnert sich das Konservatorium eher an Geisteshaus aus Horrorfilmen, sondern kein Symbol der Stadt.

„Die hässlichste Straße der Stadt“ so wurde die heutige schönste Straße der Stadt, Deutsche Straße, in Zeitungen des 19. Jahrhunderts abgestempelt. Seitdem die Bedeutung der Russlanddeutschen für das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Saratov zunahm, blühte die Straße auf und wurde zu einem wichtigsten historischen Ort der Stadt. Die Deutsche Straße ist jetzt eine Fußgängerzone mit vielen kleinen Restaurants und Straßenćafes, die eine besondere Pracht der Straße verleihen. Es ist hier kein Gebäude zu finden, das nicht zum Architekturerbe gehörte: die zarten Pastellfarben der Häuser sehen attraktiv aus.

Auf den Spuren der Industrie in Saratov

Die ersten Dampfmühlen entstanden Mitte XIX. Jahrhunderts nicht weit vom Ufer der Wolga. Einige von ihnen üben ihre ursprünglichen Funktionen aus und versorgen viele Saratover mit Mehl. Die modernsten Mühlenunternehmen des XIX. Jahrhunderts, die riesige Mengen an qualitativ hochwertigem Mehl herstellten, gehörten den deutschen Unternehmern Schmidt, Reinecke und Borell. Wenn man an den Wohnhäusern der Unternehmer vorbeispaziert, bemerkt man schnell, dass ihnen viel an gutem Geschmack und Schönheit lag und dass sie dafür auch keine Kosten scheuten.

Schönheit im Stein

Das Haus vom Müller Reineke erweckt besonderes Interesse. Dieses Gebäude wurde vom bekannten hauptstädtischen Architekten Schechtel errichtet, der in Saratow aufwuchs. Ein einzigartiges architektonisches Ensemble befindet sich im Stadtzentrum, ist im Jugendstil erbaut, mit Mosaiken, Reliefen, Stuckverzierungen geschmückt und kann mit Recht die Perle der provinziellen Architektur heißen.

Das Wohnhaus Borells, welches vor kurzem nach seiner Restaurierung neu eröffnet wurde und nun als Standesamt dient, erregt auch heute noch die Aufmerksamkeit jener, die an ihm vorbeigehen. Man sagt, dass Borell diesen „Palast“ für seine Geliebte Elena erbauen ließ, weshalb es oftmals auch als „Schloss Elena“ bezeichnet wird. Und bis heute taucht an manchen Abenden auf dem Balkon des Schlosses ein Geist in Frauengestalt auf.

Nachtleben in Saratov

Die Sonne verbarg ihre letzten Strahlen, die Wolga fließt ruhig, aber das Leben in Saratov geht weiter. Der Platz vor dem Konservatorium verwandelt sich in ein pulsierendes Zentrum der Nachtleben für Jugendliche. Viele gehen durch die Deutsche Straße spazieren, die Uferstraße von der Wolga wird ein Ort der Unterhaltung. Besonders am Wochenende sind die Nachtclubs überall voll von Jugendlichen.

Restaurierung oder Abrissbirne?

Statt der alten Architekturdenkmäler tauchen neue moderne Häuser auf. Viele architektonisch wertvolle Gebäude wurden in Saratov zerstört. Doch manche Altbauten werden gerettet, indem man sie restauriert. Vor kurzem wurde sogar ein Projekt ins Leben gerufen, das sich dem Bau von neuen Häusern im Stil der archaischen Vielvölkerarchitektur widmet. So nimmt die Entwicklung des architektonischen Stadtbilds einen neuen Lauf.

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Kommentar

  1. Besten Dank für diesen Reisebericht, der Lust macht zu einer Russlandreise. Russland ist mit Sicherheit ein überaus attraktives und vielseitiges Reiseland und es ist zu wünschen, dass dafür weit mehr geworben bzw. über Ziele auch außerhalb der bekannten Metropolen geworben würde. Vor allem für den Jugendaustausch müsste weit mehr geschehen. Die RF sollte Präsentationen ihres Landes an Schulen anbieten, in denen Landeskundliches vermittelt, Austauschmöglichkeiten vorgestellt und für Sprachbegabte die Sprache demonstriert wird. Auch über die freundschaftlichen Beziehungen beider Völker in früheren Zeiten sollte aufgeklärt werden. Bei einer erfolgreichen Kampagne würde dies dem destruktiven Einfluss transatlantischer Propaganda entgegenwirken.