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„Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre die Welt?“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe. Gute Frage. Die Welt wäre ärmer, denke ich. Und langweiliger. Vielleicht ist Rolf Becker aus meiner Heimatstadt Halle an der Saale ein solcher Narr?

Unikum in realsozialistischen Einheitsbrei der DDR

Vor dreißig Jahren bekam ich den Mann erstmalig vor die Augen. Es war im Theatercafé des damaligen Landestheaters Halle. Da kurvte der studierte Eisenbahntechniker gewandet in eine Frack, einen Zylinder auf dem Kopf, mit seiner auf einem fahrbaren Untersatz montierten Drehorgel zwischen den Tischen, Stühlen und Zuhörern umher. Er kurbelte was das Zeug hielt und sang zu den so generierten Tönen Moritaten. Durchaus mit geschickt eingewobenem Gegenwartsbezug. Mit Augenzwinkern und kleinen Anspielungen zwischen den Textzeilen auf die Tücken des DDR-Alltags. Das kam an. Unverkennbar das Idiom des waschechten Hallensers in Gesang und Sprache des Rolf Becker. Man sagt, in Halle gebe es Hallenser, Halloren und Halunken. Wenn er zu den Letzteren gehört, dann ist Becker einer von den guten Halunken. In Bayern würde man über ihn möglichweise sagen: A Hund isser scho. Und das war Rolf Becker eben schon zu DDR-Zeiten. Im besten Sinne ein Unikum im realsozialistischen Einheitsbrei. Er soll sogar der Staatssicherheit so manches Schnippchen geschlagen haben. Im damals üblichen Sprachgebrauch galt er  als „Volkskünstler“. Einen sogenannten „Berufsausweis“ hatte er sich gewiss vor einer Kommission der Konzert- und Gastspieldirektion erspielen müssen. Ohne sowas durfte man nämlich nicht so ohne Weiteres öffentlich auftreten.

Drehorgel-Rolf konnte auch nach der Wende reüssieren

Nach der Wende und dem Ende der DDR blieb sich der Mann treu. Bald war von ihm als „Drehorgel-Rolf“ die Rede. In Presse, Radio und bald auch im Fernsehen. Regional wie überregional. Es dauerte nicht allzu lange und Drehorgel-Rolf machte auch auf anderen Flecken der Welt Schlagzeilen. So gelang es ihm relativ rasch auch nach der Wende wieder zu reüssieren. Nicht nur aufgrund der Drehorgel, die Teil seines Künstlernamens wurde, verstand er Aufsehen von sich zu machen. Sondern vermehrt auch deswegen, weil Becker mit seinem PKW der Marke „Trabant“ – dem Volkswagen der DDR – von Halle in die Welt hinaus fuhr. Mit dem Zweitakter aus Zwickau eroberte Drehorgel-Rolf die USA, London und Teile Asiens. Um nur einige seiner Ziele zu nennen. Und die Herzen vieler Menschen sowieso. Rolf Becker kann als engagierter Botschafter der Stadt Halle, des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, ja: Deutschlands überhaupt gelten.

Vom Volkskünstler zum Aktionskünstler

Wenn Becker früher Volkskünstler war, so ist der Hallenser heute zusätzlich auch jemand, der unter dem Etikett „Aktionskünstler“ firmiert. Fraglos sind Beckers Aktionen – daheim oder draußen in der weiten Welt – ein ganz persönliches Gaudi für ihn. Er ist Abenteurer unserer Zeit. Immer jedoch hat Drehorgel-Rolf auch die Sorgen und Nöte anderer Menschen im Auge. Er setzt sich mittels seiner Aktionen für Menschen ein, die keine Lobby haben. Daheim und unterwegs. So engagierte und engagiert sich für gute Sachen aller Art. Etwa setzte er sich selbstlos für „action medeor“ ein und bittet um Spenden für die weltweite Medikamentenhilfe. Sein unentgeltlicher Einsatz zum Wohle verschiedenster Gesundheitsstationen und Krankenhäuser auf Madagaskar ist unvergessen.  Seine mannigfaltigen Kontakte und Verbindungen, dieses Zeugnis stellt man ihm aus, nutzte Becker immer selbstlos zum Wohle anderer Menschen, denen so wirksam Hilfe zuteil werden konnte.

Rolf Becker im Olympia-Fieber

Seit Ende 2013 befand und erst recht gegenwärtig befindet sich Drehorgel-Rolf wieder im Olympia-Fieber. Er wollte es nochmal richtig knacken lassen. Denn auch im Rentenalter, Drehorgel-Rolf ist mittlerweile 66 Jahr jung, will er nicht locker und keineswegs nachlassen. Der deutschen Nachrichtenagentur dpa sagte Becker vor der Abfahrt zwecks Begründung  seines wieder einmal amitionierten Zieles: „Ich bin ja seit der Wende bei allen Olympischen Spielen gewesen“. Wenn im Februar die Athleten aus aller Welt in Sotschi um Medaillen kämpfen, wollte Drehorgel-Rolf als hallesches Original dabei zu sein. Und so geschah es: Von der Heimat aus startete Rolf Becker mit seinem „Trabi“, wie der „Trabant“ von je her liebevoll im Volksmund geheißen wird, Richtung Sotschi, Schwarzes Meer. Unter anderen über die Straßen derzeit im Unruhezustand befindliche Ukraine tuckerte Beckers Trabi gen Rußland. Es sind 3.000 Kilometer bis nach Sotschi. Zwei Wochen schätzte Drehorgel-Rolf zuvor, würde er wohl für die Strecke mit dem für seine Robustheit bekannten DDR-Auto brauchen.

Und Rolf Becker hat es geschafft! Rechtzeitig zur Eröffnung der Olympiade traf er in der Stadt am Schwarzen Meer ein.

Rolf Becker: „Der Trabi füllt eine Lücke im Herz.“

Und wie in den meisten Fällen seiner „Spritztouren“ reiste er abermals mit einem Trabi an. Wo er auch hinkam, war der stets ein Hingucker gewesen. Sofort kam man Leuten vor Ort ins Gespräch. Und wenn es sein musste mit Händen und Füßen. Becker gegenüber der Presse über die fast magnetische Anziehungkraft, die ein Trabi auf Menschen und Medien – wo auch immer auf dieser Erde – ausübt: „Der Trabi füllt eine Lücke im Herz.“

Credo: Nichts ist unmöglich

Rolf Becker handelt freimütig wohl einfach nach dem Motto, dass im Grunde nichts unmöglich sei. Mit diesem Credo erinnert er mich persönlich an das Projekt der beiden Niederländer Tjerk Ridder und Peter Bijl, deren Buch „Anhängerkupplung gesucht!“ hier kürzlich vorgestellt wurde. Becker fand bisher noch immer nicht nur eine, nicht selten gar gleich mehrere Möglichkeiten, ein schwieriges Ziel zu erreichen. Meistens hat Becker die Nöte seiner Mitmenschen hier oder in den Entwicklungsländern im Blick. Staatszugehörigkeiten, Religion, Geschlecht oder sonstige Unterschiede sind ihm bei seinen Projekten bisher weder Hindernis noch Auswahl- oder Ausschlussgrund gewesen. Becker möchte niemanden belehren. Sollten Menschen eine andere Meinung wie er vertreten, sucht Drehorgel-Rolf entweder durch gewichtige Argumente zu punkten. Vielmals  gelang dies dem halleschen Unikum, jenem unverwechselbaren Original aus Händels Geburtsstadt. Drehorgel-Rolf vermittelt auf spürbar ehrliche Art und Weise das, was wir heute meist mit Authentizität zu umschreiben suchen.

Drehorgel-Rolf „entwaffnet“ Millizionäre

Medien sind begeistert und selbst Milizionäre  in Sotschi auf gewisse Weise „entwaffnet“ : Gewahren sie Drehorgel-Rolf zusammen mit seinem Trabi, zücken sie statt ihrer Makarow ihre Smartphones oder Fotokameras, um das hallesche Orginal abzulichten. Inzwischen traf Rolf Becker Sportler und Sportfunktionäre im Olympischen Dorf bzw. im Deutschen Haus dortselbst. Wie ein Foto beweist, war offenbar auch IOC-Chef Thomas Bach (Foto) von Drehorgel-Rolf und dessen Trabi begeistert. Auch das russische Fernsehen drehte ein Interview (via Rossia1/novostisochi) mit Becker.

Dieser Tage wird eine Menge über Olympia gesagt und geschrieben. Nicht alles davon ist positiv. Nicht alles ist gerecht, wenn man die Spiele von Sotschi mit anderen früher vergleicht. Was ist von der Olympischen Idee, wie es Baron Pierre de Coubertin, dem Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit geblieben? Überprüfen Sie es selbst, liebe Leserinnen und Leser:

Olympismus ist eine Lebensphilosophie, die gleichsam die Bildung von Körper und Geist anstrebt. In der Verbindung des Sports mit Kultur und Erziehung soll ein Lebensstil entwickelt werden, der Freude an der Leistung mit dem erzieherischen Wert des guten Beispiels und dem Respekt vor universalen und fundamentalen ethischen Prinzipien verbindet.

Diplomatie a`la Drehorgel-Rolf

Vielleicht wird Drehorgel-Rolf aus Halle an der Saale dieser Lebensphilosophie auf seine Weise, indem er sie mit der eignen, die Völkerverbindung, die Verständigung von Völkern, Kulturen und Religionen im Sinne hat und Hilfe denjenigen zu bringen verspricht, die sie dringend nötig haben, noch am ehesten gerecht. Denn er tritt in freundschaftlicher und emphatische Weise bei Olympia in Erscheinung. Und wenn ein Zweitakter aus Zwickau, der Trabi, dabei hilft, warum nicht? Sympathisch ist diese Aktion und jüngste Reise des Unikums, des unverwechselbaren Orginals aus der Händel-Stadt Halle, allemal zu nennen.

In Zeiten von Putin- und durchsichtigem Rußland-Bashing aus dem Westen, zeigt die Fahrt von Drehorgel-Rolf ins olympische Sotschi und dessen Auftreten dort auf zutiefst menschliche Weise, wie wichtig Diplomatie ist. Beziehungsweise heute wieder werden sollte. Zumal in  Zeiten, da aus deutschen Regierungsmitglieder- und Staatspräsidentenmündern wieder längst vergangen geglaubte Töne klingen, die betreffs der ihnen zwischen den Zeilen innewohnenden Gefährlichkeit an das militärische Tschingderassa des deutschen Kaiserreiches vor hundert Jahren erinnern.

Drehorgel-Rolf – a Hund isser scho – ist in gewisser Weise ein ehrenamtlicher Diplomat von unten. Einer, der nicht nur seinesgleichen auf der Welt über das Herz, sondern auch die da ganz oben in der Sache von Fall zu Fall erreichen bzw. zu überzeugen vermag. Ob er wohl in Sotschi noch Rußlands Präsidenten Wladimir Putin  trifft? Möglich. Zuzutrauen wäre es Drehorgel-Rolf, dass er ein solches einstielt. Neulich soll Putin ja schon im Österreichischen Haus aufgetaucht sein. Ob Putin Rolf Becker von früher kennt? Immerhin arbeitete der heutige Präsident früher als Geheimdienstler in der DDR …

 Johann Wolfgang von Goethe ist zuzustimen: „Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre die Welt?“ Drehorgel-Rolf ist ein Narr im guten Sinne. Einer mit dem Schalk im Nacken. Ein paar mehr davon auf der Welt und sie stünde besser da.

 Weitere Informationen zu und über Drehorgel-Rolf hier, hier und hier.

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