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Im Sommer bin ich mit einer Freundin in der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau 9288 Kilometer bis nach Wladiwostok gefahren. Anschließend ging es weiter in die Mongolei. Darüber habe ich ein Buch geschrieben. Hier ein kleiner Auszug. 

Zur Situation: Wir waren in Irkutsk und an jenem 7. August ging es für uns mit der Transsibirischen Eisenbahn weiter nach Wladiwostok. Wir? Das sind Nadine und ich. Wer mehr über sie wissen will, kann sich das hier durchlesen. Los geht´s mit dem Auszug. Viel Spaß!

Endlich wieder zuhause (Mittwoch, 7. August)

„Und Du hast nichts gesagt?“ (Nadine vorwurfsvoll zu mir)

Fräulein Nadine machte es uns heimelig. Sie packte die in russischen Maßstäben immer noch mickrige Verpflegung aus und platzierte alles auf dem Tisch am Fenster. Chips, Kekse, Schokoriegel und Instantsuppen. Hinzu kamen ein paar Taschentücher, unsere Tassen und an der Heizung unter dem Tisch befand sich auch schnell schon wieder ein einsatzbereiter Müllbeutel. Ich musste grinsen. Endlich wieder Transsib und in Kürze damit auch Schlaf, selbst wenn dieser abermals nicht von überwältigender Qualität sein würde. Ich war extrem müde.

Nach der Abfahrt wurde erst einmal aus dem Fenster gefilmt. Eine attraktive, junge, schlanke, blonde Russin in engen blauen Jeans beäugte Nadine dabei misstrauisch. Mit ihrem kühlen Blick musterte sie sie von oben bis unten und tat dabei so, als wäre sie nur an der Landschaft und ihrem Notebook interessiert, welches sie gerade aufladen ließ.

Ich wurde immer müder. Totale Erschöpfung war wohl die beste Bezeichnung für meinen Zustand. Das Aufstehen um kurz nach 5 Uhr empfand ich als eine Qual. Dieses Mal hatten wir maximal eineinhalb Stunden geschlafen und ich dachte nur: „Das ist jetzt nicht mein Wecker. Das ist jetzt nicht mein Wecker. Das ist jetzt nicht mein Wecker.“ Ich ignorierte diesen für gut eine halbe Minute, was mitten in der Nacht in einem 8-Betten-Schlafsaal nicht sonderlich freundlich war. Das Duschen fiel für mich aus Zeitgründen flach, aber immerhin schaffte es Nadine. Selbstverständlich hatte ich mir an den beiden Vortagen dafür aber auch Zeit genommen.

Die Nacht war zu unterhaltsam und lustig gewesen, um sie wegen ein paar Stunden mehr an Nachtruhe frühzeitig zu beenden. Ich bedaure Menschen, die das tun. Auf Dauer rächt sich Schlafmangel, aber wenn man eine schöne Zeit hat, macht es wenig Sinn, spießig an den nächsten Tag zu denken. Solange man niemanden am offenen Herzen operieren oder ein Flugzeug fliegen muss, kann man problemlos auch ab und an übernächtigt am Arbeitsplatz oder sonst irgendwo erscheinen.

Wodka und Bier mit ein paar Gleichgesinnten in Russland bis in die tiefe Nacht zu trinken oder wenigstens halbwegs ausschlafen? Eine einfache Entscheidung für mich. An dieser Stelle ist es angebracht, ein Loblied auf den Alkohol zu singen. Natürlich ist es ungesund, sich zu besaufen, aber Abstinenzler verpassen mindestens genauso viel wie strenge Veganer, wobei ich vor letzteren grundsätzlich viel Respekt habe. Besinnungslos im Straßengraben gefunden zu werden, das ist traurig, aber kontrollierter Alkoholgenuss macht einiges möglich. Mehr Spaß, mehr Ehrlichkeit und offenere Gespräche auch mit völlig fremden Menschen.

Nach dem Aufstehen hatte ich schnell eine Kopfschmerztablette genommen und überprüft, ob alle wichtigen Papiere und Gegenstände im Gepäck waren. 20 Minuten später als geplant, ging es zu Fuß zum Bahnhof. Zur Sicherheit war ich die Strecke am Dienstag noch schnell allein zu Fuß abgegangen, sodass nichts schiefgehen konnte. Am Bahnhof angekommen, wartete der Zug für den nächsten Teil des Russland Abenteuers bereits, aber wir hatten noch genügend Zeit. So spielte es auch keine Rolle, dass wir ins Gebäude gingen, obwohl unser Gleis nur von außen erreichbar war, wie wir nach ein paar Minuten der Irritation herausfanden.

Schließlich waren wir wieder zuhause. In der Transsibirischen Eisenbahn. „Nur“ noch etwas mehr als 4000 Kilometer von Wladiwostok entfernt. Das Upgrade von der dritten zur zweiten Klasse brachte zunächst einen Vorteil. Wir waren allein in unserem Abteil. Gut so, zumal ich offensichtlich noch eine ordentliche Alkoholfahne hatte, auf die mich Nadine etwa alle dreißig Minuten aufmerksam machte. Wir kamen dafür nun beide endlich in den Genuss eines separaten Abteils. Die beiden anderen Plätze blieben aber nur vorerst verwaist. Eigentlich eine gute Sache zu diesem Zeitpunkt, doch das änderte nichts daran, dass ich kurz darauf zwei sehr dumme Fehler beging.

Gegen meine Erschöpfung konnte und wollte ich nicht mehr ankämpfen. Immer und immer wieder hörte ich „…But alive!“ in meinem Kopf: „Sicher bin ich schon mal irgendwann sehr viel müder gewesen als jetzt, kann mich nur beim besten Willen nicht erinnern wann.“ Ich machte es mir auf der unteren Liege so gemütlich wie möglich. Kurz vor dem Einnicken sah ich, wie Nadine herein kam und fix wieder hinaus ging. Meine Augen waren vor Müdigkeit schon halb zugefallen, aber ich bemerkte noch so eben, dass ihr Rock auf der Rückseite nicht richtig saß. Ich sagte zweimal ihren Namen, aber sie hörte mich nicht. Normalerweise wäre ich aufgestanden und ihr hinterher gegangen, aber ich ließ mich von meiner Müdigkeit matt setzen. Mein Fehler Nummer 1 an diesem denkwürdigen Tag.

Nach vielleicht zehn Minuten kehrte sie zurück und weckte mich mit ihrer Anwesenheit sowie folgenden Worten:

„Du wirst nicht glauben, was mir gerade passiert ist.“

Ich: „Meinst Du das mit dem Rock?“

Nadine: „UND DU HAST NICHTS GESAGT?“

Das Buch trägt momentan noch den Arbeitstitel “22000 Kilometer in 22 Tagen”. Sobald es erhältlich ist, werde ich selbstverständlich ausführlich darüber in meinem Blog berichten. 

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