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Von Mel Frykberg

Tripolis, 10. August (IPS) – In Libyen hat die Revolution 80.000 Binnenflüchtlinge produziert. Viele sind Überlebende ethnischer Säuberungen und Kämpfe, andere vor der Gewalt zwischen verfeindeten Milizen aus ihren Dörfern geflohen. Hinzu kommen Arbeits- und Wirtschaftsmigranten und Asylsuchende, die bereits unter dem inzwischen gestürzten Machthaber Muammar al-Gaddafi zugewandert sind.

Auch nach Kriegsende ist das Leid der vielen Menschen noch nicht zu Ende. So sitzen viele, vor allem Schwarzafrikaner, in Haftzentren, wo sie weder Wasser noch Nahrungsmittel erhalten. In den Flüchtlingslagern geht die Angst vor neuerlichen Übergriffen um und aus Verzweiflung riskierten viele die gefährliche und oftmals tödliche Reise übers Meer nach Europa.

Libyens Regierung, Milizen, Armee und Polizei betreiben 25 bis 30 Haftzentren und Flüchtlingslager. Die Einrichtungen werden zwar von libyschen und internationalen Nichtregierungsorganisationen finanziell unterstützt, doch sind die Mittel unzureichend.

Wählend zwischen Tod und Tod

„Seit Mai sind 100 Menschen bei dem Versuch gestorben, in überladenen und seeuntauglichen Booten Europa zu erreichen“, berichtet Samuel Cheung vom UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) in Tripolis. „Monat für Monat treten tausende Flüchtlinge die gefährliche Reise an, weil sie so verzweifelt sind.“ Auf den Booten seien die Anfälligsten aller anfälligen Menschen versammelt: schwangere Frauen und Männer mit Schussverletzungen, die nicht auf eine adäquate medizinische Versorgung hoffen können.

Etwa 20.000 der etwa 35.000 Vertriebenen sind Tawergha-Libyer, Nachfahren schwarzer Sklaven. Viele von ihnen hatten im Bürgerkrieg auf Seiten Gaddafis gekämpft und wurden in den Städten Tawergha und Misrata Zielscheiben ethnischer Säuberungen. Die Stadt Tawergha diente Gaddafi als Ausgangspunkt für seine Angriffe auf die 38 Kilometer entfernte Rebellenhochburg Misrata.

Heute füllen die Tawergha etliche Flüchtlingslager in Tripolis und Bengasi. Nafisa Muhammad ist eine von ihnen. Die ehemalige Universitätsangestellte lebt in einem engen und überhitzten Flüchtlingscontainer in der Hauptstadt. Sie genießt den ‚Luxus‘, ihr Zimmer nicht mit anderen teilen zu müssen. Die übrigen 400 Tawergha-Familien schlafen dicht gedrängt auf dünnen Matratzen.

Muhammad hat viele Verwandte verloren. Ihr einjähriger Sohn kam während der Kämpfe zwischen den Revolutionsgarden und den Gaddafi-nahen Tawergha-Einheiten ums Leben.

„Auch starben zwei Brüder, und der dritte, ein Zivilist wurde am Flughafen von Bengasi von Misrata-Milizionären abgefangen, verschleppt und totgeprügelt.“

Auch hat die 31-Jährige den Tod eines Cousins zu beklagen. Ihn und andere hatten die Rebellen mit Benzin, mit dem sie ein Feuerwehrauto gefüllt hatten, bespritzt und angezündet. Videoaufnahmen von den verkohlten Leichen wurden den Angehörigen der Opfer zugeschickt. Der Übergriff war ein Racheakt für Gräueltaten, die Gaddafi-loyale Truppen Zivilisten in Misrata während der Belagerung der Stadt angetan hatten.

Die 25-jährige Hannah Jaballah, eine Nachbarin Muhammads, war mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern aus dem umkämpften Misrata geflohen. Ihr Mann wurde vor einem Monat von Misrata-Milizionären in der Innenstadt von Tripolis entführt.

„Als ich ihn im Haftzentrum von Misrata besuchte, hatte er eine gebrochene Schulter. Man hat ihn geschlagen“,

berichtet sie. Wann er freigelassen wird, weiß sie nicht.

Muftah ist im Fillah-Lager als Flüchtlingskoordinator tätig. Seinen Nachnamen will er aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Auch er war während des Krieges aus Tawergha geflohen und hat nun große Angst, das Lager zu verlassen. Er fürchtet, dass er Misrata-Milizen in die Hände fallen könnte, die regelmäßig Razzien in dem Camp durchführen und junge Männer mitnehmen, von denen viele nie wieder auftauchen.

„Auch wenn es uns freisteht, das Lager zu verlassen, machen die meisten von uns davon keinen Gebrauch. Wir hängen vollständig von den Frauen ab, die Nahrungsmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs ins Lager bringen“,

berichtet Muftah.

Zwangsrepatriierungen

Der UNHCR-Sprecher Cheung erinnert an die Vielzahl von Binnenflüchtlingen, die vor den Kämpfen rivalisierender Milizen geflohen sind, zwischen denen es schon zu Gaddafi-Zeiten Spannungen gegeben hatte. Auslöser waren häufig Landstreitigkeiten.

„Viele der Flüchtlinge stammen zudem aus Ländern, in denen sie politisch verfolgt werden“,

so Cheung weiter. Etliche wurden bereits zwangsrepatriiert, darunter selbst diejenigen Somalier, auf die in der Heimat der Tod wartet.

Auch die Bedingungen, unter denen Übergangs-, Wirtschafts- und politische Häftlinge leben müssen, sind verheerend, wie Cheung betont. Sie entsprechen in keiner Weise internationalen Menschenrechtsstandards. Verschärft werde das Problem zudem durch einen gravierenden Mangel an Hilfsgeldern. „So ist es nicht möglich, die Häftlinge angemessen mit Medikamenten, Nahrung und Wasser zu versorgen.“ (IPS/kb/2012)

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