in D/A/CH

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der führenden Wirtschaftsnationen, kurz OECD, veröffentlichte dieser Tage ihr alljährliches Compendium of Productivity Indicators. Hierin stellt der Think Tank eine Entkoppelung der Produktivitätsentwicklung zu den Löhnen fest, wonach zuletzt der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Nationaleinkommen rückläufig war, ein Umstand, der gerade in Deutschland seit gut 10 Jahren beklagt wird.

Dabei ergibt sich seit der weltweiten Finanzkrise das Bild, dass zwar der Beitrag der Arbeit, ausgedrückt in den Arbeitsstunden pro Kopf in Bezug auf das BIP, zugenommen hat, der Wert der abhängigen Beschäftigung jedoch nicht. Andererseits ist die Arbeitslosigkeit gerade in den G7-Ländern in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts spürbar zurückgegangen, was nicht zufällig korreliert, wie die Forscher der OECD anmerken.

Arbeit wandert nach Wirtschaftskrisen in wenig produktive Dienstleistungsbereiche ab, der Anteil von Teilzeitbeschäftigungen nimmt zu. Eine nicht ungefährliche Entwicklung, schließlich besteht Wohlstandssteigerung in „work smarter“ und nicht arbeitsintensiver.

Die Frage treibt Deutschland nicht erst seit den Arbeitsmarktreformen des sozialdemokratischen Kanzlers Gerhard Schröder um: ist es sinnvoller, Menschen aus dem Erwerbsleben zu nehmen, wenn sie den stetig steigenden Anforderungen an Produktivität und Bildung nicht gerecht werden können? Oder ist jede Tätigkeit sinnvoll, solange sie ein Erwerbseinkommen sichert, selbst dann, wenn dies zur Bestreitung des eigenen Lebensunterhaltes nicht ausreichend ist? Die führenden Wirtschaftsnationen haben dazu mehrheitlich eine eindeutige Position. Während in Deutschland der Anteil der Langzeitarbeitslosen mit rund 50 Prozent traditionell außerordentlich hoch war, bringt die Mehrheit der Industrieländer beschäftigungslos gewordene Menschen schneller wieder in Lohn und Brot.

Der Kern der Agenda 2010 wollte dies ändern und Deutschland war danach auf dem Weg durchaus erfolgreich, von 2005 bis 2015 sank der Anteil der Langzeiterwerbslosigkeit von 53 auf 44 Prozent. Keine andere wichtige Nation kann dabei solche Erfolge verbuchen, im Gegenteil. So stieg in Staaten mit einem deutlich liberaleren Arbeitsrecht wie den USA und Großbritannien diese spezifische Kennzahl um rund ein Drittel an. Doch dieser Weg hatte für das soziale Gefüge in Deutschland einen Preis.

Insbesondere in der zweiten Hälfte der Nullerjahre wuchs zwar die Beschäftigung rasant, die Zahl der geleisteten Stunden konnte mit dem Wachstum jedoch nicht Schritt halten. Auch hierzulande entstand zunehmend eine Schicht der Working Poor, Menschen, die in unsicheren Arbeitsverhältnissen ihr Leben fristen, die nicht am allgemeinen Wohlstandszuwachs teilhaben. Schon zuvor hatte das Einkommensgefälle deutlich zugenommen, nun tat sich ein neuer Spagat zwischen immer mehr hochbezahlten Berufen und sehr gering entlohnten Jobs auf.

Die unteren Einkommensschichten zahlten damit einen doppelten Preis für Globalisierung, Wiedervereinigung und Migration: erst sanken ihre Realeinkommen teilweise beträchtlich und danach gaben die Versuche, sie in Beschäftigung zu halten oder wieder zu bringen den Rest. An dem grundsätzlichen Befund ändert sich auch wenig, dass vor allem die üblichen Verdächtigen Geringqualifizierte, Alleinerziehende, Migranten und Ostdeutsche von diesen Entwicklung betroffen sind und natürlich der nationale Arbeitsmarkt aufnahmefähig und durchlässig geworden ist. Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Die OECD-Studie erinnert an den typischen Weg. Um Arbeitslosigkeit zu beseitigen, wird für einige Jahre die Produktivitätsentwicklung zurückgehen und der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen sinken. Zwischen Sylt und Bodensee erlebten wir das in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, wo die Gewinn- und Vermögenseinkommen von 28 Prozent auf 36 Prozent hochschnellten.

Doch diese Ausschläge haben sich längst wieder umgekehrt, seit 2012 haben wir eine Stabilisierung auf einem Niveau, das mit 68:32 nahe an den historischen Durchschnittswerten orientiert. So machten zwischen 1985 und 2015 die Arbeitnehmerentgelte am nationalen Einkommen 69 Prozent aus. Daran gemessen beträgt der „Verteilungsspielraum“ zwischen Löhnen und Gewinnen 1 Prozent des Volkseinkommens oder 23 Milliarden Euro.

Im Schnitt sind das für jeden Arbeitnehmer weniger als 600 Euro im Jahr oder 49 Euro im Monat, brutto. Zur Erinnerung: die linken Parteien von SPD und LINKE sehen den Staat nicht in der Lage, auf einen solchen Betrag bei der Einkommensteuer verzichten zu können. Zudem, so die sozialpolitische Begründung, wäre die Auswirkung für kleine und mittlere Einkommen eher im homöopathischen Bereich.

Deutschland nahm in den letzten Jahrzehnten niedrigere Produktivitätsgewinne als die anderen G7-Staaten in Kauf. Hierfür gibt es zwei wesentliche Gründe: in den 1990er Jahre drückte die Integration der alten, weit unproduktiveren DDR-Betriebe die Leistungsverbesserung. Und im folgenden Jahrzehnt sollte die auf ungeahnte Rekord Dimensionen angewachsene Arbeitslosigkeit zurückgedrängt werden. Deutschland war zum kranken Mann Europas geworden, die wirtschaftliche Dynamik der Aufbruch-Jahre um die historische Zeitmarke 1990 erlahmt.

Während die übrigen G7-Länder seit 2009 nur noch ein sehr geringes Produktivitätswachstum von jährlich 1,1 Prozent aufweisen, konnte sich die deutsche Volkswirtschaft mit 1,3 Prozent vergleichsweise sehr gut halten. Und während nun USA, Großbritannien und Frankreich ihre seit 2009 aufgebauten hohen Arbeitslosenzahlen begonnen haben abzubauen, konnte man hierzulande die Früchte früherer Reformen und einer relativ stabilen Wirtschafts- und Finanzpolitik ernten.

Deutschland ist zur Joblokomotive geworden. Seit 1995 hat sich die Arbeitslosigkeit um 44 Prozent verringert, mit gemessenen 4,6 Prozent (Harmonised Unemployment Rate HUR) herrscht in der Republik Merkels nahezu Vollbeschäftigung, kein anderes OECD-Land kann im 20-Jahresvergleich mit solchen Daten aufwarten. Dies ist allerdings auch ein Beleg, wie sehr das Land in der Endphase der Kohl-Ära gelähmt war und sich verspätet auf die Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft eingestellt hat. In der Post-Finanzkrisenzeit schafften auch die angelsächsischen Staaten wieder Beschäftigung, einzig die Euroländer und hiervon dezidiert Frankreich gelang dies nicht. Träge wie ein leckgeschlagener Tanker verharren deren Volkswirtschaften in Unterbeschäftigung.

Die Wissenschaftler in Paris bemerken auch einen spürbaren Rückgang der Investitionstätigkeit in der Nachkrisenzeit. Doch Deutschland betrifft dies von den G7-Staaten weniger als andere. Die nationalen Bruttoanlageinvestitionen liegen mit 19 Prozent im absoluten historischen Mittel. Die staatlichen Investitionen schwanken mit der Trendkurve der Gesamtinvestitionen.

Seit Antritt der amtierenden großen Koalition 2013 haben die öffentlichen Investitionen leicht angezogen auf nunmehr 2,4 Prozent. Damit steht das wichtigste Mitglied der Eurozone besser da als die anderen G7-Staaten, die in den letzten Jahren die Investitionen des Staates zum Teil deutlich zurückgenommen haben. Die in den internationalen Institutionen und auf Konferenzen erhobenen Klagen über teutonische Investitionszurückhaltung haben also nur sehr eingeschränkt ihre Berechtigung.

Deutschland hat damit seine wirtschaftspolitischen Hausaufgaben gemacht, soweit man das unter den Begrenzungen einer demokratischen Verfasstheit leisten kann. Die Trends verliefen dabei nicht außergewöhnlich, geringeres Produktivitätswachstum fand ihre spezifischen Begründungen. Auch der Rückgang der Arbeitnehmerentgelte am nationalen Einkommen war nicht ungewöhnlich, nicht das Ergebnis einer falschen Politik, sondern der richtigen. Seit 2010 erntet die Berliner Politik und ragt damit immer mehr unter den G7-Staaten heraus. Kein Wunder, dass internationale Begehrlichkeiten und Forderungen an die deutsche Regierung zunehmen.

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  1. Die Profite aus Kapitaleinsatz steigen, aber die Löhne werden entkoppelt und das Lohnniveau sinkt bereinigt.
    Zahlreiche Mainstream-Medien sind sich einig: „Wegen der Kurzarbeit sind die durchschnittlichen Bruttogehälter in Deutschland… zurückgegangen“ [Focus] bzw. „In Westdeutschland sind demnach von 1995 bis 2012 die Reallöhne in allen Einkommensgruppen gesunken. Einen dramatischen Rückgang erlebten Geringverdiener: Ihre realen Stundenlöhne stürzten um 20 Prozent ab [Berliner-Zeitung].
    Die Politiker der GroKo sehen keinen Handlungsbedarf.
    Aber die Statements der Minister, z.B. B.Zypries bei BMW, verraten deren Bemühen, den Bossen Hindernisse aus dem Weg zu räumen: „Brd brauche echten Niedriglohnbereich“ [Arb-geberPräsid].

  2. Stimme dem Autor bzgl. seines Fazits nicht zu: „wirtschaftspolitischen Hausaufgaben gemacht“; das muss man im Gesamtkonsens sehen, auch zu wessen Lasten?
    Der Westen verarmt: Rentner leiden besonders unter Armut, auch in Berlin, NRW ist die Not groß [DieZeit];
    Aus normalen Arbeitsplätzen werden immer mehr Zeit-, Frist- oder Minijobs, daraus entsteht immer öfter prekäre Beschäftigung: zu wenig Lohn [H.Böckler-Stift.]; Weiterbildungslüge, Perspektivlosigkeit…
    Rahmenbedingungen werden im Kanzleramt mit Arbeitgeberverbänden abgesteckt, die kleinen Leute erleben Verelendung, Altersarmut.
    Es gab den RAD, der Menschen zwang, die Arbeitskraft anzubieten, wirtschaftliche Ziele umzusetzen, heute ebenso: Sanktionen, Reglementierung, Missbrauch.

  3. Nahles im Reich der Fabeln!
    Wenn eine Politkerin, entgegen aller Beweise am Kirchentag behauptet: Hartz IV sei nicht Schuld an der Armut, dann muss man diese zwingend auf den Geisteszustand untersuchen lassen!😡

    Das Hartz IV die Menschen in schlimme Armut treibt, und Verfassungswidrig ist, ist schlichtweg nicht länger zu leugnen!
    Dieser Artikel zeigt, wie weit diese Frau sich von der Realität entfernt hat!
    >>> Mehr dazu hier >>> https://www.facebook.com/FHPfreieharzIVpresse/

    • Dreist Lügen und Täuschen gehört gerade zum Geschäft der Ministerin… es geht um Machterhalt, Privilegien und die nächste Wahl naht.
      Zur Untersuchung des Geisteszustandes schickt die Arbeitsagentur lieber Kritiker, in Leipzig nennt man uns u.a. „Störer“, „der Jude muss weg“, zum Berufspsychologischen Dienst. Mit Gefälligkeitsgutachten kann man rechnen-siehe G.Mollath- und politisch unerwünschte Wahrheiten sollte man schon gar nicht erzählen. Die Arbeitsagentur wird immer mehr zum Überwachungsinstrument ausgebaut, dazu gehören Missbrauch, Schikanen und man lügt genau so dreist wie die Ministerin.