in D/A/CH

ANZEIGE

„Aus dem Unbehagen, welches eigentlich jeder Bürger und Demokrat empfinden muss, wenn die Gesellschaft nicht zufriedenstellend geordnet ist, erwuchs mein Wunsch, bei der Besserung der Dinge behilflich zu sein.“

Mit diesen Worten rief Reinhard Mohn im Jahr 1977 die Bertelsmann Stiftung ins Leben – „basierend auf seiner Überzeugung, dass Eigentum mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden ist“. Von diesem Tag an investierte man fast 1,2 Milliarden Euro in gemeinnützige Projekte, Studien und Veranstaltungen. Kaum eine wichtige gesellschaftliche Debatte wird seither ohne die Expertise der „Bertelsmänner“ geführt. Ganz gleich ob Bildungs- oder Gesundheitspolitik, Demographischer Wandel, Globalisierung, Sozialreform oder demokratische Entwicklung, die Stiftung mit Sitz in Gütersloh hält die passenden Zahlen parat.

Vorangegangen war der Stiftung bereits der gleichnamige Medienkonzern Bertelsmann SE & Co. KGaA. Diebeszüglich fällt einem bei genauerem Hinsehen schnell ins Auge, dass die Uneigennützigkeit der Stiftung unter Umständen so seine Mängel hat. Bereits Anfang der 70er Jahre zeigte sich Reinhard Mohn erfinderisch, wenn es darum ging Steuern- und Sozialabgaben zu sparen und führte zu diesem Zweck eine Gewinnbeteiligung für Mitarbeiter ein – für einen Wirtschaftsliberalen wie Mohn eher ungewöhnlich. Mit dem Überführen von gut drei Viertel des Aktienkapitals auf die 1977 neu gregründete Stiftung, sparte Mohn zwei Milliarden an Erbschafts- oder Schenkungssteuer, wirtschaftet de facto also mit öffentlichem Geld. Die 1,2 Milliarden, welche in gemeinnützige Projekte investiert wurden, erscheinen unter diesem Aspekt schon in einem etwas anderen Licht.

„Die Kanzlerin hat eine sehr enge, vertrauensvolle Beziehung zur Familie Mohn“

Als Reinhard Mohn im Oktober 2009 im Alter von 88 Jahren verstarb, wurde dessen Vetorecht im Aufsichtrat an seine Ehefrau Liz Mohn übertragen. Wie in einem Artikel des Tagesspiegel nachzulesen ist, konnte sie seitdem ihren Einfluss im Unternehmen stetig ausbauen. Neben ihrem einflussreichen Posten im Aufsichtsrat leitet Liz Mohn die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG), welche die Aktienmehrheit kontrolliert, und verhalft zwei ihrer Kinder zu aussichtsreichen Positionen im Konzern.

Auch der Draht nach „ganz oben“ ist für Frau Mohn nicht allzuweit, gerne trifft man sich mit Bundeskanzlerin Merkel auf eine Tasse Kaffee. „Die Kanzlerin hat eine sehr enge, vertrauensvolle Beziehung zur Familie Mohn“, bestätigt der ehemalige Vize-Regierungssprecher Thomas Steg – mittlerweile Cheflobbyist bei VWim Interview mit der TAZ.

Ebenso weisen andere Mitglieder in den Chefetagee der Bertelsmänner eine interessante Vita auf. So war zum Beispiel Vorstandsvorsitzender Aart De Geus von März 2007 bis 2011 stellvertretender Generalsekräter Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der ehemalige Wissenschaftssenator der Stadt Hamburg, Jörg Dräger, welcher 2006 in Hamburg Studiengebühren von 500 Euro pro Semester einführte, ist seit 2008 im Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung in den Bereichen Bildung, Demokratie und Integration und Geschäftsführer des von der Bertelsmann Stiftung gegründeten „Centrum für Hochschulentwicklung“, welches darauf abzielt das deutsche Hochschulsystem zu liberalisieren und zu modernisieren.

Enge Verwobenheit mit Wirtschaft, Politik und Kultur

Kuratoriums-Mitglied Werner J. Bauer kann auf eine 23-jährige Karriere beim Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé zurückblicken – von 2007 bis 2013 war er dort zuletzt als Generaldirektor tätig.  Wolf Bauer, ebenfalls im Kuratorium, ist Co-CEO der UFA GmbH und Geschäftsführer von UFA Cinema. Des Weiteren ist er seit 2001 Mitglied des Beirat Ost der Deutschen Bank und produzierte seit 1980 – insbesondere für das ZDF und RTL – über 80 Fernsehfilme und wirkte bei mehr als 20 Serien mit.

Auch ein Blick auf Manager Wulf Bernotat lohnt. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der E.ON AG begann seine Karriere 1976 bei der Shell AG, wechselte dann 20 Jahre später zur VEBA-Oel AG in Gelsenkirchen und ist seit Juni 2013 Aufsichtsratsvorsitzender der Vonovia AG, des größten Wohnungsunternehmen Deutschlands. Seit Mai 2006 ist er auch im Aufsichtsrat der Bertelsmann AG zu finden und seit Beginn des Jahres 2010 auch im Aufsichtsrat der Telekom. Einen Namen machte sich Bernotat als er sich im August 2010 als einer von 40 Unterzeichnern des Energiepolitischen Apepells – einer Lobbyinitiative der vier großen Stromkonzerne um die Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke voranzubringen – stark machte.

Bertelsmann SE & Co. KGaA größtes Medienunternehmen Europas

Diese Liste liese sich noch eine Weile fortführen, der rote Faden ist deutlich zu erkennen: Die Verflechtung sämtlicher Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder in sämtlichen Bereichen der Wirtschaft, Politik und Kultur sind frappierend (eine genaue Auflistung finden Sie hier). Am aller meisten wird dies deutlich, wenn man einen genauen Blick auf den der Stiftung vorhergegangen Medienkonzern Bertelsmann SE & Co. KGaA wirft, wessen Chefetage ebenfalls eng mit derjenigen der Stiftung verwoben sind.

Die Bertelsmann SE & Co. KGaA ist das größte Medienunternehmen Europas und rangiert unter den Top 10 Medienriesen der Welt. In ihrem Besitz befinden sich beispielweise die RTL Group, Europas führender Unterhaltungskonzern mit Beteiligung an 55 Fernsehsendern (u.a RTL, RLT II, VOX, NTV,…) und 27 Radiostationen und das Pengiun Random House, welches derzeit die größte Publikumsverlagsgruppe der Welt darstellt. Seit November 2014 hält man auch vollen Anteil am Druck- und Verlagshaus „Gruner + Jahr„, einem der größten „Special-Interest-Verlage“ Europas, unter wessen Namen unter anderem das „Geo Magazin“, „National Geographic“ oder die „Gala“ erscheinen. In diese Linie reihen sich dann noch der internationale Dienstleister „Arvato“, welche Behörden, Ministerien und Institutionen an vorderster Front betreut, die Druckerei-Gruppe „Be Printers“, sowie Corporate Investments und Corporate Center.

Satzung seit 1980ern mehr als 20 mal geändert

Mit einem derart großen Einflussbereich auf sämtliche gesellschaftliche Bereiche mag man zu Recht nach dem Zweck der Bertelsmann Stiftung fragen. Es scheint als gibt man nach außen hin den barmherzigen Sammariter, der mit der Unterstützung gemeinnütziger Projekte den Wunsch hegt „bei der Besserung der Dinge behilflich zu sein“, bei genauerer Betrachtung ist der überaus ausgeprägte Selbsterhaltungstrieb der Mohn Dynastie aber kaum zu übersehen. So wurde seit den 1980ern die Satzung der Stiftung  zum Zwecke der Machtsicherung der Mohn-Dynastie mehr als 20 mal geändert.

„In unserer heutigen Zeit ist es doch eine Illusion, dass eine Stiftung oder ein Unternehmen ein Land wie die Bundesrepublik nach ihren Vorstellungen formen und prägen kann“ (Gunter Thielen, bis 2012 Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung und Aufsichtsratsvorsitzender der Bertelsmann SE & Co. KGaA.)

Auch wenn Thielen das nicht wirklich wahr haben mag, ist es an vielen Stellen mehr als evident, wie stark die Stiftung mittlerweile mit Wirtschaft, Politik und Medien verwoben ist. „Die Denkfabrik half Kanzler Gerhard Schröder bei einer Initiative zum Bürokratieabbau, beriet die Hartz-Kommission und eröffnete mit Bundespräsident Horst Köhler das Forum Demografischer Wandel“, weiß Thomas Schuler, Autor des Buches „Bertelsmann Republik Deutschland. Eine Stiftung macht Politik“.

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“

Aufbauend auf dem „Wunsch, bei der Besserung der Dinge behilflich zu sein“, ist man bei den Mohns wohl der Meinung erstmal die eigenen Dinge ins Reine bringen zu müssen. Ganz unverblühmt präsentiert Reinhard Mohn in seinem 1986 erschienenen Buch „Erfolg durch Partnerschaft“ die Absicht, die hinter seinem Projekt steckt: „dominierende Zielsetzung ist die Sicherung der Unternehmenskontinuität“.

Trotz alledem spinnt der Think Tank aus Gütersloh weiter ungehindert seine Fäden, sorgt dafür, dass die neoliberale Utopie vom freien Wirken der Märkte weiterlebt. Dabei hat die Denkfabrik längst sämtliche gesellschaftliche Bereiche durchdrungen, hat sich insbesondere im deutschen Bildungssystem etabliert. Frei nach dem Motto „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“, sorgt die Stiftung durch das Mitwirken in sämtlichen Gremien und Institutionen dafür, dass insbesondere die hauseigenen Interessen Gehöhr finden und sorgt somit auch unmittelbar dafür, dass die Stiftung selbst immer wieder reproduziert wird. Ob in Berlin nun Rot-Grün oder die Große Koalition das Sagen hat, wird bis zur Nebensächlichkeit, bis zur Belanglosigkeit, bis zur Unkenntlichkeit deformiert und demontiert.

ANZEIGE

Dein Kommentar

Kommentar

  1. Klasse-Artikel!

    Was brauchen wir Verschwörungstheorien, wo Bertelsmann uns täglich vorführt, wie die Musik gespiet wird.

    Das Wesen der Stiftung ist die Mehrung von Macht und Geld bei der Stifterfamilie – eine neue Art von selbsternannter Aristrokratie. Dahinter steht die Vorstellung, dass das besondere Unternehmertum der Stifterfamilie die dortige Konzentrierung der Macht rechtfertigt.

  2. Die Ausmasse der Staatlichen Propaganda ist viel erschreckender als in der DDR, denn dort hat fast niemand den Medien geglaubt !!! Hier spielt man den Bürgern Konkurenz und freie Medien vor, obwohl alles der gleiche Brei ist. Interessen, Politik, und Lobbygesteuert. Dazu die BILD-Verblödungstechniken, die selbst von sogenannten Vorbildern aus Sport und Multimedia noch angepriesen wird. Ekelhaft !!!!
    Hetze, Lüge, Angstmacherei und Diskussionen über Themen die man nicht lösen kann sind an der Tagesordnung. Nur Probleme die man „anfassen“ müsste und recht leicht beheben könnte, die verschweigt man, weil die oberen 5% zahlen müssten.
    Und erzählt mal, warum man für eine Politik, von der 90% der Bevölkerung etwas hat, KEINE Mehrheit bekommt…