in Gesellschaft

Hayir (Nein) hat verloren. Das Ergebnis des Referendums in der Türkei lautet EVET (Ja). Das Ergebnis wurde vor wenigen Tagen seitens der türkischen Wahlbehörde offiziell bestätigt.

Dass das EVET-Lager besonders unter den Auslandstürken in Belgien, Frankreich,  den Niederlanden, Deutschland und Österreich überdurchschnittlich viele Anhänger hat, beschleunigt die diskursive Polarisierungsdynamik in Europa. Bereits ein oberflächlicher Streifzug durch Berichte, Kommentare und Diskussionsforen diverser österreichischer und deutscher Hegemonialmedien langt zur Bestätigung dieser Interpretation.

In dieser hitzigen Atmosphäre und Diskussionskultur, die verständlicherweise sehr emotional geführt wird, scheinen emotionsfreie und nüchterne soziologische Betrachtungen, die dem Wahlverhalten der Auslandstürken in Deutschland und Österreich mittels einer globalen Einbettung auf den Grund gehen und deren Entstehungszusammenhänge greifbar machen wollen, momentan von bewiesenen Akzeptanzkrisen betroffen zu sein.

Entweder man bekennt sich zur einen oder zur anderen Seite. Entweder man ist ein Demokrat oder ein Diktatorenversteher. Natürlich darf man sich von dieser Einengung der diskursiven Toleranzgrenzen nicht beirren lassen. Daher zieht dieser Kommentar ein Weder-Noch anstatt eines Entweder-Oder vor und versucht der Sache mit nüchternem Blick auf den Grund zu gehen.

Natürlich ist es nicht zielführend angesichts dieser Umstände eine (intellektuelle) Blauäugigkeit mit realitätsignorierender Rhetorik an den Tag zu legen. Das geschah in der Vergangenheit leider zu oft – sei es aus Wahlkalkül bestimmter Politparteien sei es aufgrund von überzogenem Toleranzhabitus. Aber auch weil die ökonomische Verteilungsproblematik und die damit zusammenhängende gesamtgesellschaftliche Ressourcenverfügbarkeit nicht jenen spürbaren prekären Status innehatten wie aktuell – und somit der gesellschaftliche Ambiguitätstoleranz-  und Frustlevel höher zu sein schienen als heute.

Genauso wenig ist es aber für eine Besänftigung der aufgebrachten Gemüter ratsam, das sprichwörtliche Kind mit dem Bade auszuschütten und ein pejoratives Pauschalurteil über alles Türkische und türkisch Anmutende zu sprechen. Dafür sind Türkeistämmige in ihren identitären Strukturen zu divers und komplex, als dass sie als Einheitsbrei präsentiert werden könnten.

Dass weder Emotionen noch Hitzigkeit von der Thematik fernzuhalten sind, versteht sich jedoch von selbst. Wichtig ist es, sich stets vor Augen zu halten, dass unkontrollierte Wut in Zorn und blinden Hass münden kann. Aus diesem Grund gilt es Affektdiskurse zu bändigen, anstatt sie sukzessive zu normalisieren.

Was eine intolerante Haltung legitimiert …

Der zunehmenden Aufgebrachtheit gegen in Deutschland und Österreich lebende Erdogan-Befürworter liegt eine Motivsstruktur zugrunde, die ausgerechnet ein türkisches Sprichwort treffend charakterisiert: „Bicak kemige dayandi“, was auf deutsch so viel heißt wie „es ist fünf vor zwölf“.

Es ist de facto beunruhigend, dass keine zu unterschätzende Anzahl von türkeistämmigen Menschen in Deutschland und Österreich für ein von Erdogan favorisiertes EVET in der Türkei stimmten, zumal Erdogan eine höchst fragwürdige  Politik gegen jedwede Opposition führt, die Meinungsfreiheit zusehends einschränkt, non-konformistische Journalisten und Kritiker mundtot macht bzw. inhaftieren lässt, Krieg gegen Kurden im Südosten des Landes führt, mit der Todesstrafe liebäugelt und orwellsche Gedankenverbrechen salonfähig macht.

Bezüglich Letzterem  ist zu sagen, dass er während seiner Reden bei Massenkundgebungen im Vorfeld des Referendums immer wieder eine geistige Verwandschaft von NEIN-Stimmern mit der zum Feindbild stilisierten Europäischen Union und staatsfeindlichen Gruppierungen, wie die Gülen-Bewegung oder die kurdische PKK, konstruierte und sie somit sozial stigmatisierte.

Dass bei Europäern mit besonnener Grundhaltung die Alarmglocken schrillen, wenn sie feststellen, dass in ihrer unmittelbaren Nähe Menschen weilen, die einer Geisteshaltung, welche demokratische Errungenschaften mit Füßen tritt, ihr EVET (JA) geben, ist mehr als nur verständlich und nachvollziehbar. In einem Dasein voller Toleranzdogmen soll schließlich nicht auch noch Intoleranz toleriert werden. Doch darf die Intoleranz gegen Intolerante nicht unreflektiert geschehen, da der Grat zwischen Intoleranz, Wut, Zorn und blindem Hass ziemlich schmal ist und in einer Zeit der Vielfachkrisen immer schmaler wird.

Ganz wichtig ist es, dass diese Intoleranz auf politischer und integrativer Ebene ihre Kompensation findet. Das bedeutet keineswegs, dass jeglicher Form von Konservativismus die Legitimitätsgrundlage zu entziehen ist. Konservatives Denken hat in einer demokratischen Gesellschaft genauso ihre Legitimation.

Doch sollten jene (türkischen und auch kurdischen) Vereine in Deutschland und Österreich, die demokratiegefährdendes Gedankengut systematisch fördern bzw. diesem eine Entfaltungsplattform bieten, genauer unter die Lupe genommen werden. Ob das im Endeffekt zu den erwünschten Ergebnissen führt, sei zunächst dahin gestellt. So viel ist klar: das wäre ein starkes Statement um zu signalisieren, dass man jene Hand, die einen füttert, nicht beißen soll. So viel zur „rechten Hand“ des Staates.

… und was vor ihrer Blindheit warnt

Die „linke Hand“ des Staates sollte – mag Einigen utopisch vorkommen, aber eine Erwähnung ist der begründenden Präsenz wegen nicht unerheblich – neben der stetigen Verkleinerung des ökonomischen Verteilungs-Gaps, auch darum bemüht sein im Rahmen des formalen Bildungssystems politische und historische Bildung noch stärker zu fördern. Selbstverständlich sollte das nicht als Befürwortung gegenpropagandistischer Indoktrination missverstanden werden. Viel eher ist gemeint, dass durch die Stärkung eines wertfreien politischen und historischen Bewusstseins von Kindern und Jugendlichen zukünftigen radikalen Tendenzen effektiv entgegengewirkt werden kann.

Das ist natürlich nicht bloß auf den türkeistämmigen Nachwuchs bezogen zu verstehen. Denn die Zunahme von radikalen und teils extremistischen Tendenzen ist nicht bloß ein türkisches, sondern ein globales  Phänomen in der heutigen Zeit. Eine separierte Fokussierung von radikalen Phänomenen kommt einer fragmentierten Problembetrachtung gleich und verhindert dadurch das Verstehen von ganzheitlichen Problemzusammenhängen.

Isoliert betrachtet stellt sich folgende zentrale Frage in Bezug auf jene Auslandstürken, die für ein EVET gestimmt haben: Wie ist es möglich, dass Menschen, die selbst in einer liberalen Gesellschaft mit ausgeprägtem sozial- und rechtsstaatlichem System leben, mit EVET für die Errichtung einer Diktatur mit Todesstrafe an einem anderen Ort der Welt abstimmen können? Im Zuge einer isolierten Problembetrachtung ist an dieser Frage nichts auszusetzen.

Bei einer unfragmentierten Herangehensweise mit Einbezug der Globalität des Radikalisierungsproblems, nehmen die Fragen jedoch tiefere Dimensionen an. Wenn Radikalisierung, Fanatismus, Militarisierung (der Politik, der Köpfe, der Medien), Irrationalität und der Zulauf zu entsprechenden politischen Tendenzen und Persönlichkeiten sich nicht bloß auf die Türkei beschränken, sondern globale Zeitphänomene darstellen:

Was treibt Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Sozialisationszusammenhängen mit diversen Wertestrukturen, Lebenskonzepten, Weltbildern, Kulturen etc. zur Anfälligkeit für radikale Tendenzen, die zwar hinsichtlich der Intensität der Radikalität nicht gleichzusetzen sind, aber eine ähnliche faktorielle Struktur aufweisen? Inwiefern spielen soziale (national: Inklusion und Integration), politische (national: Teilhabechancen; international: Zentrum-Peripherie) und ökonomische (Arm-Reich) Verteilungsasymmetrien eine Rolle? Mit welchen Strategien gelingt es radikalen Opportunisten gezielt auf individuelle und kollektive Schieflagen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Erwartungen propagandistisch zu reagieren und mit vermeintlichen Lösungsansätzen die Gunst der Massen zu gewinnen?

Diese entscheidenden Fragen dürfen weder durch eine aufgeheizte Stimmung noch durch polarisierende Zermürbungsdiskurse in den Hintergrund gedrängt werden. Sowohl blinde Intoleranz als auch das Verkennen von Problemzusammenhängen durch thematische Fragmentierung ebnen unweigerlich den Weg zur sozialen Verrohung und kollektiven politischen Lethargie.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Muss man wirklich in der Soziologie so gekünstelt reden wie: „Eine separierte Fokussierung von radikalen Phänomenen kommt einer fragmentierten Problembetrachtung gleich und verhindert dadurch das Verstehen von ganzheitlichen Problemzusammenhängen“?

    So viele Worte und so wenig Inhalt!