Wellmann/12. Feb/  Der Narr als Solches, seine Verbreitung und Artenvielfalt, hat mich als Berliner 44 Jahre lang nicht sonderlich interessiert, denn bis auf den Fasching im Kindergarten, wurde uns von der Kultur und der Geschichte der Narren nichts überliefert. Weder in der Schule, noch von den Eltern, was ich von Weitem betrachtet eigenartig finde, wuchs mein Vater doch in Duisburg/Walsum auf. Doch außer seiner Frohnatur und den Sauerbraten mit Klößen, brachte er aus dem Rheinland nichts mehr mit.

Doch nun lebe ich schon knapp zwei Jahre in Düsseldorf und auch wenn ich hier nicht besonders viel mehr als in Berlin vom Karneval mitbekommen habe, sehe ich sie natürlich. Wie sie sich, so unauffällig wie möglich, mit der Straßenbahn auf den Weg zu ihrem Besäuf…, zu ihrer Vereinssitzung, oder wie jetzt am Montag zum Rosenmontagszug machen. Und da sie da deutlich in der Überzahl sind, trauen sie sich auch dies laut herauszuschreien …, etwa 1800 Mal pro Abend.

Alter_Narr_grossDer Narr, der Faxenmacher, Possenreißer, Hofzwerg, Spaßmacher. Am liebsten sieht man den Narren als eines seiner Synonyme. Auch wenn das Fernsehen immer noch den Schein aufrecht erhält, Politiker und Prominente würde es zu dieser Zeit ganz besonders schlecht ergehen, weil Satire, schwarzer Humor und klare Worte aus dem Volk über sie ergossen, sieht die Realität relativ anders aus. Die Angesprochenen sitzen im Publikum, singen und trinken mit, mit dem Volk und amüsieren sich prächtig. Da kann, bitte korregieren sie mich wenn ich falsch liege, Die Schelte sooo schlimm nicht gewesen sein.

Im Laufe der Geschichte hat sich der Narr, angefangen von dem, der am Hofe König Davids für Hohn und Spott gesorgt hat, bis zu dem der heute in der Bütt steht und unverständliches Zeug in Reimform von sich gibt, oft wieder verändert und ist doch immer der geblieben, der ab dem frühen Mittelalter, die Rolle des Bösen, Negativen übernommen hat. Das war Zeitweise wohl gar nicht mehr so lustig, denn als Bezeichnung wird das Wort Narr, Behinderten und Mißgebildeten, aber auch ungebildeten Menschen, oder Bauern zugeschanzt. Die Ursache dafür liegt tief im Bewusstsein des Menschen vergraben und hat vor allem mit Angst zu tun. In welchem Maße hier die Sozialisation, oder/und der Einfluss der Kirche eine Rolle spielt, sei mal dahin gestellt.

Noch heute wird ja gern unbewusst auf die Bibel und die Sache mit dem Ebenbild Gottes (gen 1/27) hingewiesen. Dumme, tolpatschige, solch unvollkommene, nutzlose und verkehrte Wesen, kamen dafür natürlich nicht in Frage und so hieß man sie Narren. So lag der Spaß dem Leid immer sehr Nahe, wenn der Narr im Spiel war. Das ist heute auch noch so, nur es merkt keiner mehr, weil alle, wenn man an diesem Punkt endlich angelangt ist, schon betrunken sind.

Im 14. Jahrhundert entstand dann der sogenannte “Künstliche Narr”, der sich von den geistig Kranken und Behinderten vor allem dadurch unterschied, dass er nur so tat, als wäre er dumm, zurückgeblieben, oder sogar “gemeingefährlich”. Der Hofnarr war entstanden und wahrscheinlich die ersten ernst zu nehmenden Komiker mit kabarettistischen Einschlag. Diese Narren waren es auch, denen man nachsagte, sie hätten nicht nur sehr viele Freiheiten, was das Wort, sondern auch die Tat anging. Und dass davon auch sehr viel Gebrauch gemacht wurde.

Da hat sich bis heute nicht allzuviel verändert wie man heute an Mario Barth und Cindy alias Ilka, aus Luckenwalde sehen kann, bei denen die genutze Freiheit eindeutig in Richtung Tat geht, während das Wort einen langsamen, grauenvollen Tod stirbt. Der Ursprung dessen ist wohl bei den Römern zu suchen, die den Karneval, den “carne val”, auf ihrem Weg zum Hadrianswall, mit an den Rhein brachten, wo er sich bis heute, hartnäckig gehalten hat. (Natürlich ist er auch in Bayern und Baden-Würtemberg, aber ich lebe ja nun in Düsseldorf)

Rosenmontagszug, Saalkarneval und Vereine entstanden etwa Mitte des 19. Jahrhunderts und wurden nach und nach zu780px-Karneval_Koeln dem, was man heute sehen kann. Und der Narr wurde zu dem, wie oben angeregt, was er heute ist, mit dem Unterschied, dass es jeder sein kann, der sich außerhalb der ständischen Ordnung bewegt und sich keinerlei Normen verpflichtet fühlt. Und an den “Drei Tollen Tagen” will das jeder sein. Da dies aber dem deutschen Narr, aufgrund seiner Liebe zum Selbstbewußtsein eines Hundes, sehr schwer fällt, braucht man zum Normen vergessen was? Genau, Alkohol.

Was ist also geblieben, vom Narr? Wie folgt das Volk. Wenn auch nicht immer, leider sogar meistens, im Laufe der Geschichte, wurde der Narr als Person die außerhalb steht angesehen. Ob nun durch eine körperliche Missbildung, oder besondere Intelligenz, die ganz besonders gern die Wahrheit sagt, der Narr hob sich ab, selbst wenn er sich erniedrigte.

Wie hebt sich der Narr heute ab? Durch schlechtes Benehmen in einem Restaurant und ausgeprägte Illoyalität (Mario Barth), oder durch völkische Aufmärsche in der Düsseldorfer Altstadt, bei denen die Masse gleichgeschaltet Lieder singt und immer wieder den Arm zum fröhlichen Gruß, ” Hellau” hebt.

Einigen wir uns auf ein Unentschieden.

Betunkene

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Oliver Wellmann
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Oliver Wellmann, geboren 1966 in Berlin Wedding ist Deutschlands Untergrundkabarettist Nr.1. Seine jahrelange Weigerung sich dem Mainstream des deutschen Humors anzuschließen brachte ihm zwar bis heute keinen Reichtum ein, aber genau den berüchtigten Kult-Status des Komikers, der noch die Wahrheit sagt, wenn andere schon lange den Schwanz eingekniffen haben. Da er aus gesundheitlichen Gründen leider die Bühne aufgeben musste, hat er kurzerhand das Internet zu seiner Bühne gemacht. Und als Schreiber kann man ihn dann auch wieder engagieren. Erleben kann man Oliver Wellmann täglich auf seinem Blog.

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