Von Cam McGrath

Kairo, 15. November (IPS) – In Ägypten hat ein ultrakonservativer Salafistenkleriker seinen Widerstand gegen einen Verfassungsartikel, der den Sexhandel mit Frauen verbieten würde, mit der Gefährdung der Praxis der Kinderehen begründet. Wie Sheikh Mohamed Saad El-Azhary gegenüber dem privaten Satellitenfernsehsender ‘Al Nas’ erklärte, ist es in dem nordafrikanischen Land und insbesondere in den ländlichen Gebieten üblich, Mädchen zu verheiraten, sobald sie in die Pubertät kämen.

“Wichtig ist, dass das Mädchen soweit ist und eine Heirat verkraften kann”, meinte El-Azhary.

Er sei gegen Gesetze zum Schutz von Frauen vor Gewalt, weil sie die strafrechtliche Verfolgung von Männern ermöglichten, wenn diese ihre Kinderbräute schlügen oder beschliefen.

“Hast Du mit deiner Frau gegen ihren Willen Verkehr, kann sie dich verklagen”, warnte er Ägyptens Männer. “Darauf läuft es heraus.”

Die Anhänger der Salafisten legen den Koran und den Hadith (Überlieferungen über den Propheten Mohamed) wörtlich aus. Dahinter steckt der Wunsch, den Lebensstil des Propheten und seiner Anhänger möglichst getreu nachzuleben. Ihre puritanischen Anschauungen bringen sie jedoch mit den weltlichen Muslimen und Minderheiten des Landes auf Kollisionskurs, die ihre intolerante Sichtweise ablehnen.

Foto: Ein Anhänger des Salafistenführers Hazem Salah Abu Ismail protestiert in Kairo / dpa

Salafisten rechtfertigen Kinderehen mit Passagen aus dem Hidath, in denen davon die Rede ist, dass die dritte Frau des Propheten Mohamed zum Zeitpunkt der Eheschließung sechs und zum Zeitpunkt des geschlechtlichen Akts im Anschluss an ihre erste Menstruation neun Jahre alt gewesen sei.

Scheikh Yasser Borhamy, Sprecher der Dawah-Salafisten, schlug in einem Interview mit dem TV-Moderator Wael El-Ebrashy ähnliche Töne an und berief sich auf entsprechende Koranstellen. Das ägyptische Eherecht verstoße gegen die Gesetze der Scharia (islamisches Recht), denen zufolge Mädchen mit Erreichen der Pubertät verheiratet werden dürften.

“Was der Islam zu Zeiten des Propheten erlaubt, gilt bis in alle Ewigkeit”, so Borhamy.

Zwar stellen Salafisten nur eine kleine aber lautstarke Minderheit, doch profitieren sie von dem neuen islamistischen Parlament und Präsidenten. Kinderrechtler beunruhigt vor allem, dass El-Azhary und Borhamy dem Ausschuss angehören, der mit dem Entwurf der neuen Verfassung beauftragt ist. Andere Ausschussmitglieder teilen deren Meinung zu Kinderehen und könnten versuchen, diese in der neuen Verfassung zu verankern.

“Wir haben Jahre lang darum gekämpft, dass das Heiratsalter von Mädchen (von 16) auf 18 heraufgesetzt wird, und nun wollen es die Islamisten wieder herabsetzen”, kritisiert die Frauenrechtlerin Azza Kamel. “Es gibt Salafisten, die dafür sind, es gar auf neun zu drücken.”

In einigen Schlachten auf verlorenem Posten

Die in der letzten Woche verbreitete Kopie eines ersten Verfassungsentwurfes löste in liberalen Kreisen eine Schockreaktion aus, war eine Klausel gestrichen wurden, die ein Verbot des Frauenhandels vorsah. Salafistische Mitglieder des für den Entwurf der neuen Verfassung zuständigen Ausschusses begründeten die Entfernung der Klausel damit, dass es keinen Menschenhandel in Ägypten gebe und allein schon dessen Erwähnung Ägyptens Ansehen schaden könnte.

Demokratie im Blut: ägyptisches Parlament

Doch einem Bericht des US-Außenministeriums von 2010 zufolge kommt es in Ägypten auf unterschiedlichen Ebenen zu Menschenhandel. Ägypten ist demnach Transitland und Ziel des Handels mit afrikanischen und asiatischen Frauen und Kindern, die dort zu Zwangsarbeit und Prostitution gezwungen würden. Auch würden ägyptische Mädchen unter dem Deckmantel der Heirat ausgebeutet.

Der lokalen Nichtregierungsorganisation ‘Memphis Foundation for Development’ zufolge sind Kinderehen in Ägypten weit verbreitet. Gerade in den ländlichen Gebieten verheirateten Eltern ihre Töchter möglichst jung, um selbst der Armut zu entkommen. Vor vier Jahren durchgeführte Untersuchungen belegen, dass bei fast einem Viertel aller Ehen die Bräute keine 16 Jahre alt gewesen waren.

Wie Afaf Marei von der ‘Egyptian Association for Community Participation Enhancement’ (EACPE) berichtet, werden viele minderjährige Mädchen von ihren Eltern an reiche Araber aus den Golfstaaten verkauft, die auf der Suche nach “Sommerbräuten” nach Ägypten reisen. Die Ehen werden von Anwälten arrangiert, die als Broker agieren. Sie können je nach Brautgeld, das den Eltern der Mädchen gezahlt wird, Stunden bis Monate halten. Häufig werden die Transaktionen ohne das Wissen oder die Zustimmung der betroffenen Mädchen verhandelt.

“Diese Eheschließungen sind eine Form des Frauenhandels unter dem Deckmantel des islamischen Rechts”, betont Marei.

Die konservative Muslimbruderschaft, die die diesjährigen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen gewann, vertritt in der Frage der Kinderehen keine klare Position. Während einige Reformer in der Gruppe die Praxis ablehnen, gehörten die Führer der Bruderschaft zu den Gegnern des Gesetzes von 2008, das das Heiratsalter von 16 auf 18 hochgesetzt hat.

Jetzt, wo der Druck auf den mit dem Verfassungsentwurf beauftragten Ausschuss wächst, das Dokument fristgerecht bis zum 12. Dezember vorzulegen, könnte die Muslimbruderschaft in der Frage zum Zünglein an der Waage werden. Sollte die Verfassung ohne die Klausel, die den Frauenhandel expliziert verbietet, der Bevölkerung zur Entscheidung vorgelegt werden, könnte sei durchkommen. Das befürchten etliche liberale Aktivisten und verweisen auf die Fähigkeit der Bruderschaft, die Öffentlichkeit für sich einzunehmen.

“Wir setzen alles daran, um den Sieg davonzutragen, doch realistisch betrachtet gehe ich davon aus, dass wir scheitern werden”, befürchtet Amal Abdel Hadi von der ‘New Women Foundation’. “Das ist nur eine Schlacht und wir kämpfen gegen die Islamisten an anderen wichtigen Fronten wie der Gleichheit aller Bürger.” (IPS/kb/2012)

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