Zinskritik der reinen Vernunft
Beim Thema Zinsen gehen die Emotionen hoch. Bedauerlicherweise ist das keine gute Basis für Erkenntnisfortschritte.
„Ich bin kein Freund der Zinskritik.“ Diese Worte eines bekannten österreichischen Wirtschaftsforschers bei einer Diskussionsrunde werden mir unvergessen bleiben. In derselben Diskussion unterstrich dieser Wirtschaftsforscher die Ergebnisse seiner Studie, in der er zu dem Schluss kommt, dass die zunehmende Ungleichheit in der Verteilung von Vermögen und Einkommen ein Hauptauslöser der Wirtschaftskrise sei.
Irrationale Reaktionen
Beim Thema Zinsen gehen die Emotionen hoch. Beim Äußern von Zinskritik kann man sich darauf verlassen, dass der Großteil der Reaktionen irrational sein wird. Die erklärbaren Gründe dafür sollen hier nicht von Belang sein. Dieser Text ist für „Fortgeschrittene“ – für Menschen, die bereit sind, sich trotz einer ersten irrationalen Reaktion rationalen Argumenten zu stellen.
Gängige Irrtümer
Geld ist eines der am wenigsten durchschauten Phänome des praktischen Lebens. Dementsprechend groß ist der Mangel an Erkenntnis (Spinozas Definition von „Irrtum“) auch bei damit verwandten Themen, wie eben bspw. Zinsen.
Oft hört man: „Wer keine Schulden macht, zahlt keine Zinsen.“ Das wäre schön. Ist aber unwahr. Verschuldete Unternehmen schlagen die Zinslasten, die sie zu tragen haben, auf die Warenpreise. Je nach Studie beträgt die durchschnittliche Zinslast in den Warenpreisen 25% (Prof. Dr. Christian Kreiß, nach dem Gutachten des Sachverständigenrats der deutschen Wirtschaft) bis 34% (Helmut Creutz). Bei den Wohnkosten liegen diese versteckten Zinslasten sogar noch höher. Jeder Konsument zahlt somit Zinsen und zwar ständig! Geht man von 25% versteckten Zinslasten aus, weiß man, wieviel ein Haushalt pro Jahr an Zinsen zahlt, auch wenn er keine Schulden hat. Es ist nun einfach auszurechnen, wieviel zinstragendes Kapital ein Haushalt haben müsste, damit dieser durch Sparzinsen mehr verdient, als er durch den Konsum Zinsen zahlt: Bei einem realen Sparzins – also nach Abzug der Inflation – von 2% wären mindestens 300 000 Euro zinstragendes Kapital notwendig. (Und wie groß ist schon der Anteil der Haushalte, für die das gilt?)
Wir leben also in einem System mit „umgekehrter Vermögenssteuer“: Wer wenig oder kein zinstragendes Kapital hat, zahlt diese „Steuer“. Wer vermögend ist, erhält entsprechende Einnahmen aus dieser „Steuer“.
Mathematik folgt keiner Ideologie
Blinder Glaube an den Sinn oder Unsinn von Zinsen ist heute nicht mehr notwendig. Wir verfügen über Wissen und Werkzeuge, um ganz nüchtern-rational die Konsequenzen von Zinsen klar feststellen zu können.
Die „Dynamische Analyse“ von Prof. Dr. Jürgen Kremer, die die Entwicklung von Volkswirtschaften über einen Zeitraum von 50 Jahren untersucht (Simulation hier), zeigt ganz klar: unter realistischen Anfangsdaten und Standardannahmen werden die Volkswirtschaften langfristig instabil, wobei sich der Zinssatz am Kapitalmarkt als der wesentliche verursachende Faktor herausstellt.
Man kann diese „Nebenwirkungen“ von Zinsen nun mögen oder nicht – aber die Mathematik sollte akzeptiert werden. Mathematik folgt keiner Ideologie. Angemerkt sei noch, dass die zinsbedingte Ungleichverteilung von Vermögen nicht durch (höhere) Vermögenssteuern, wie sie von manchen politischen Gruppierungen propagiert wird, aufgehoben werden kann. (Die Exponentialfunktion lässt sich so nicht „austricksen“.)
Die Grenzen der Zinskritik
Nachdem, was die Mathematik unmissverständlich demonstriert, fällt es schwer, Zinsen als gerecht oder gar nachhaltig zu bezeichnen. Doch wäre der Kapitalismus nach der Abschaffung von Kapitalzinsen ein gerechtes Wirtschaftssystem? Nein. Leider nicht.
Selbst ohne Kapitalzinsen gibt es immer noch leistungslose Einkommen aus Vermögen, wie bspw. Pacht und Miete. Wer als Kind vermögender Eltern zur Welt kommt, kann so leistungslos das geerbte Vermögen vergrößern, wohingegen jemand aus einer mittellosen Familie dazu verdammt ist, sogar einkommenslos Leistung zu erbringen – denn die leistungslosen Einkommen der einen bedürfen immer einkommensloser Leistungen anderer. Gerecht ist etwas anderes.
Welche Gesellschaft wollen wir?
Die Dogmen unserer derzeitigen Wirtschaftsordnung stoßen immer mehr an die Belastungsgrenzen des Planeten und der Gesellschaft. Ein historischer Umbruch ist also genauso notwendig wie unausweichlich. Wir gestalten diesen Umbruch, jeder einzelne von uns ist selbst verantwortlich. Wir entscheiden.
Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der die Masse nur der Vermögensvermehrung einiger weniger dient? Oder wollen wir eine Gesellschaft, in der jeder Mensch möglichst gleiche Chancen auf eine freie Entfaltung hat?
Die „Eliten“ wollen uns weismachen, unser Dasein als Nutzmenschen wäre alternativlos. Ist es so? Oder ist es vielmehr so, dass das Mantra „alternativlos“ eines Menschen nicht würdig ist, weil wir Menschen die kreativste Spezies auf diesem Planeten sind?
If the mountain won’t move, build a road around it.
If the road won’t turn, change your path.
If you are unable to even change your path, transform your mind.
Nutzmenschen - IMNH: Monetärer Vampirismus (corr.)
Autor
Reinhold Mannsberger (39), Software-Architekt und Systemanalytiker, lebt in Wien und ist Initiator eines Volksbegehrens, das sich für eine gerechte Geldordnung einsetzt.
Lesen Sie dazu auch:
EFSF und ESM: Wo sind die Rettungsmilliarden geblieben?





















Diese Zinsenlast ist eine der grössten Ausbeutungen eines Volkes, die Banken haben schon immer sowie auch die Reichen durch die Zinsendifferenz massive Gewinne erwirtschaftet. Zusätzlich investiert ein Produzent über Kredite wodurch sich der nächste Gewinn ergibt über Steuergewinn. Diese Nichtlasten werden in falscher Darstellung vor dem Gesetz zu einer weiteren Preiserhöhung, die jedoch nicht berechtigt ist. Da unser staat ein Enteignungsrecht inne hat könnte Österreich ein un verschuldetes Österreich sein, steht die Möglichkeit im Raum ob der Staat diesebezüglich womöglich spekuliert. Zur Verantwortung gezogen werden leider immer Jene die einen Überlebenskampf als das höchste Gut bezeichnen können. Da war doch Carleone noch großzüg Boss.
Sehr gelungener Artikel, bringt er doch die aktuellen Problematiken unserer Gesellschaft auf den Punkt:
Als es vor über 200 Jahren daran ging, die Menschen aus den Fängen des Feudalsystems mit dem Ruf “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” zu holen, wurden die Besitzlosen 90% Leibeigenen leider nur aus der Enge des Feudalherren in ein etwas größeres Freigehege entlasse. Weil der Leibeigene aber nichts besaß, um an der Wirtschaft brüderlich mitzumischen, hatte er nun immerhin die Freiheit, sich als Lohnsklave seinen Herren auszusuchen (mehr oder weniger).
Nur wer so viel Land besitzt, um sich davon selbst zu ernähren, hätte die wirkliche Freiheit, so meine Meinung.
Ein Bodenreform wäre als ein Muss …
VG Martin
“Angemerkt sei noch, dass die zinsbedingte Ungleichverteilung von Vermögen nicht durch (höhere) Vermögenssteuern, wie sie von manchen politischen Gruppierungen propagiert wird, aufgehoben werden kann.”
Wieso? Bitte um mehr Informationen zu diesem Punkt!
Einfach visualisiert:
Auswirkungen der Exponentialfunktion
Für Vermögenssteuern gilt sinngemäß dasselbe wie für die progressive Einkommenssteuer.
das habe ich mich auch gefragt
ich nehme an er meint damit, dass es besser wäre das problem an der wurzel zu packen, anstatt einer stets unzureichenden sisyphosarbeit gleich, zu versuchen diesen misstand nur über steuern aus zu gleichen
DAS ZINSSPIEL BRINGT WIE IM MONOPOLY LETZTENDLICH ALLE IN DIE BESITZLOSIGKEIT, ALSO WENN KEINEM MEHR ETWAS GEHÖRT können ALLE alles benutzen, soweit der mensch sich auf augenhöhe wiedererkannt hat. gelingt im das?
ich stimme dem artikel voll zu, allerdings wäre es auch interessant zu analysieren, WARUM zinskritik so tabuisiert wird.
Zur Tabuisierung der Zinskritik: Ich frage mich: wem nützt`s? Meine Antwort:
Wenn ich zu denen gehöre, die an Zinsen verdienen, und es gelingt mir, dieses Thema zu tabuisieren, dann sichere ich mein bequemes Einkommen.
Tabu bedeutet: Nicht diskutabel (oder auch “alternativlos”)
Zinskritik tabuisieren ist einfach: Ich gründe z.B. eine Partei, die den freien Markt propagiert (nützt der Elite). Z.B. die Partei der Vernunft. In Diskussionen zum Thema wird der Zins als das “natürlichste der Welt” hingestellt, “diese Zinskritiker” werden mit Hitler in Zusammenhang gebracht, was sie sagen ist “gefährlich falsch”, sie sind “partiell unzurechnungsfähig” usw. …
Sehr schön ist diese Dogmatik hier zu hören: http://www.youtube…
Ein Beispiel mit dem Zinssatz 8 % (wenn der Zins niedriger ist, ist der Zeitraum länger, der gleiche Effekt)
1948 Einführung der DM – heute 2012 = 64 Jahre (8 x 8 = 64)
1 Million (nur vorgezeigtes Geld) verdoppelt sich bei 8 %
Zins ohne Arbeitseinsatz innerhalb von 8 Jahren.
1956 waren es 2 Mio., 1964 bereits 4 Mio. usw.
2012 ist 1 Mio. schon 256 Mio. (ESM-Vertrag)
2020 sind es 512 Mio., in 16 Jahren wird die Milliarde
überschritten.
Keine Volkswirtschaft erwirtschaftet innerhalb von 16 Jahren für ein Darlehen von einst 1 Mio. ca. 750 Mio. Zins?
Nur Dummköpfe glauben, dass der Euro durch den ESM gerettet wird. Eine Totgeburt!
Wohin gehen diese Milliarden? Wer gibt dem Staat die Billionen?
Wer verdient und wer verliert durch…
“Geld ist eines der am wenigsten durchschauten Phänome des praktischen Lebens.”
“Der Kreditzins, den Unternehmer für Investitionskredite an die Geschäftsbanken zahlen, besteht aus der Bankmarge und dem Guthabenzins, den die Geschäftsbanken an die Sparer zahlen. Die Bankmarge minus Risikoprämie (Kreditausfall-Versicherung) minus Personal- und Sachkosten ist der Gewinn der Geschäftsbanken vor Steuern, und der Guthabenzins der Sparer ist die Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins) plus Knappheitsaufschlag plus Inflationsaufschlag. Der Realzins (Sparer-Gewinn) ist der Guthabenzins minus Inflation.”
aus “Der Zins – Mythos und Wahrheit”
http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html
Dankeschön für den Artikel.
Ich kenne die Argumente und kann sie gut nachvollziehen. Allerdings würde ich gerne wissen, welche funktionierende Alternative zum Zinsgeld es gibt. Ich vermute: Keine.
Es gibt das Modell der Umlaufsicherung bzw. des fließenden Geldes. Siehe dazu hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Umlaufsicherungsgeb%C3%BChr
Wie beim Grundeinkommen gibt es auch hier zur Finanzierung und konkreten Umsetzung verschiedene Vorschläge und natürlich auch Kritik. Weil man recht wenig Konstruktives darüber hört, ist es leider auch nicht so einfach, sich eine Meinung darüber zu bilden – echt schade eigentlich, diese Alternative sollte man diskutieren.
an Elukas912: vermuten, glauben, usw. … heisst nicht wissen und damit ist man anfällig für allerlei abstruses in jederlei hinsicht.
es gibt IMMER alternativen. die frage ist wer verhindert sie? wer profitiert vom derzeitigen system? somit werden die dzt. profiteure erkannt und man kann alternativen entwickeln.
In ersten Absatz steckt eine ziemlich unangebrachte Überheblichkeit. Den Sinn des Satzes ‘glauben ist nicht wissen’, sollte man schon verstehen, bevor man Menschen ,die nicht dem Hochmut verfallen sind, zu glauben alles zu ‘wissen’, rhetorisch in das Licht von religiösen Spinnern/sonstige Idioten.
Aber bitte, Sie als Wissender, bitte ich Quellen irgendeiner Art anzugeben, die solche Alternativen aufzeigen.
Geldtheorie
„Man sollte alles so einfach wie möglich sehen – aber auch nicht einfacher.“
Albert Einstein
Der folgende Text des Freiwirtschaftlers Hermann Bartels ist wie kein zweiter geeignet, die Funktion des Geldes als in einer arbeitsteiligen Wirtschaft unverzichtbares, gesetzliches Zwischentauschmittel allgemeinverständlich und wissenschaftlich korrekt zu erklären. … Lediglich an staatlichen Hochschulen indoktrinierte „Wirtschaftsexperten“ sowie vom kollektiv Unbewussten gewählte „Spitzenpolitiker“ (Vorurteilsträger) können auf gewisse Verständnisschwierigkeiten stoßen:
Geldtheorie
Ich war selbst Zins- & Geldsystemkritiker über 10 Jahre lang. Doch musste ich feststellen, dass sie grösstenteils FALSCH ist. Die Analyse der Zinskritik ist oberflächlich und fast nur Symptombehandlung. Man muss tiefer einsteigen und die ganze Wirtschaft in ihrem Zusammenhang überhaupt wieder verstehen lernen, angefangen bei Ihren Wurzeln, der Arbeitsteilung & dann zur weiteren Komplexität Geld hinzu verstehen.